Karriere in UX – auch ohne UX im Titel – Newsletter 1/2026

Seit 2025 heißen UX Designer bei Shopify einfach Designer. Bei Duolingo wurde aus der UX-Abteilung die Product Experience. UX verschwindet aus den Jobtiteln. Gleichzeitig tauchen neue Abkürzungen auf: PX, CX, AX. Für alle, die im UX-Bereich arbeiten oder dort einsteigen wollen, stellt sich die Frage: Hat UX ausgedient? Muss ich jetzt was anderes werden? Sollte ich mich qualifizieren, fortbilden und hat eine Karriere im Bereich UX überhaupt Zukunft?

Die Verunsicherung ist verständlich. Wir erleben massive Veränderungen: KI krempelt Prozesse und Tools um, viele Firmen sparen, Teams werden verschlankt. Wenn dann auch noch etablierte Jobtitel verschwinden, kann man sich schon fragen, ob das Berufsfeld UX-Design sich gerade auflöst.

Die Antwort ist aus meiner Sicht klar: Nein. Was sich ändert, sind Bezeichnungen und organisatorische Zuordnungen. Was bleibt, ist der Kern unserer Arbeit: Erlebnisse für Menschen in digitalen Kontexten zu gestalten. Um das zu verstehen, lohnt zunächst ein Blick zurück – auf meinen eigenen Weg durch über 20 Jahre UX und dabei wechselnde Jobtitel. Und dann blicken wir nach vorn.

Jobtitel im Wandel – und was das über die Zukunft verrät

Ich habe in den frühen Web-Jahren der 1990er als Website-Konzepter begonnen. Damals ging es darum, Struktur, Inhalte und Navigation für Sites zu planen. Viele sahen mich damit damals als Web-Designer. Eine Bezeichnung, die ich nicht mochte, weil die meisten dabei nur das Visuelle im Kopf hatten. Kurz darauf wurde ich zum Informationsarchitekten – der Fokus lag stärker auf dem Entwickeln von Strukturen, in denen sich Nutzende zurechtfinden und dem Bereitstellen von Inhalten, die Nutzende brauchen. Der Titel klang professioneller, die Aufgaben waren nicht grundsätzlich anders.

Ab etwa 2000 nannte ich mich Usability-Experte: Tests durchführen, Heuristiken anwenden, Benutzerfreundlichkeit messbar machen bzw. sicherstellen. Schließlich wurde ich um 2010 zum UX-Profi – mit einem noch weiteren Blick auf das gesamte Erlebnis der Nutzenden, auf all ihre Berührungspunkte mit digitalen Produkten, auf ihre Emotionen und auch auf Dienste jenseits der reinen Bildschirminteraktion.

Auch dabei blieben die meisten Aufgaben für mich ähnlich oder gleich: Nutzende verstehen, Interaktionen gestalten, in interdisziplinären Teams arbeiten. Manches wurde breiter (vom einzelnen Screen zum gesamten Erlebnis), manches tiefer (vor allem bei User Research und Strategie). Aber die Grundidee der Arbeit hat sich erstaunlich wenig geändert.

Die Etiketten haben gewechselt – getrieben von Technikwellen, Modeworten und Machtverschiebungen in Organisationen.

Grafik mit Zeitachse von den 1990ern bis heute: Oben Technik- und Marktwellen (frühe Websites, Dotcom, Web 2.0, Smartphones, Plattformökonomie, KI-Welle), darunter überlappende Begriffe und Rollen wie HCI, Web Design, Usability, User Experience, Product Design, Customer Experience sowie deine eigenen Titel (Website-Konzepter, Informationsarchitekt, Usability-Experte, UX-Profi); unten eine durchgehende Linie „Menschzentrierte Gestaltung digitaler Produkte & Services“ als konstanter Kern.
In den 1990ern dominierten Begriffe wie HCI (Human-Computer Interaction, später Interface Design und Usability. Mit dem Web kamen Web Design und Informationsarchitektur. Mit Web 2.0, Smartphones und Apps verschob sich der Fokus auf die gesamte User Experience. Jede Welle brachte neue Begriffe – aber nie eine Neudefinition des Berufs. (Diagramm erstellt mit Gemini)

Heute erleben wir die nächste Welle, getrieben vor allem von KI und wirtschaftlichem Druck. Mit dabei natürlich: neue Begriffe und Kürzel.

Neue Bezeichnungen, alte Probleme: CX, PX, AX & Co.

Spätestens Ende der 2010er tauchte der Begriff Customer Experience (CX) auf. Er soll die gesamte Beziehung zwischen Kundin oder Kunde und Unternehmen umfassen – vom ersten Werbekontakt über Kauf und Nutzung bis hin zu Support und Kündigung. CX betrachtet also die ganze „Reise“ einer Person mit einer Marke oder einem Anbieter – inklusive Marketing, Vertrieb und Service.

User Experience (UX) wird etwas enger gefasst: Es geht um die Erlebnisse, die Nutzende mit einem Produkt oder Service haben – mit einer Website, App oder einem Gerät. UX konzentriert sich auf einzelne Interaktionen und Nutzungssituationen: Wie fühlt es sich an, diesen Service zu nutzen? Kommen Menschen gut ans Ziel?

Man kann UX als Teil der CX definieren. In der Praxis verschwimmen die Begriffe aber oft – wichtig ist weniger die Abkürzung als die Frage: Reden wir über einzelne Nutzungserlebnisse oder über die gesamte Kundenbeziehung? Und die hat gute UX schon immer im Blick. Mehr dazu hier: Customer Experience & User Experience – dasselbe? – Newsletter 6/2020

Heute tauchen noch viel mehr Kürzel auf – PX, AX … die nächste Welle rollt an.

PX, AX und das große Umbenennen

Vor ein paar Monaten hat das Unternehmen Duolingo den Bereich User Experience in Product Experience umgetauft. Was sich dadurch ändert? Kaum etwas. Es ist nur eine Namensänderung, die manche als Marketing-Stunt abtun. Aber es zeigt, dass hier eine Verschiebung in der Wahrnehmung klargemacht werden soll: Es geht zentral um „das Produkt“.

Screenshot Startseite Duolingo
Duolingo hat Sprachenlernen auf dem Smartphone auf ein neues Niveau gehoben. 130 Millionen Menschen weltweit lernen damit derzeit eine von 42 Sprachen.

Für UX-Profis ist das eine Enttäuschung. Jahrzehntelang haben wir dafür gekämpft, die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Jetzt dreht ein erfolgreiches Unternehmen mit 130 Millionen Nutzenden den Spieß um und sagt: „Uns geht es vor allem ums Produkt.“

Vielleicht zeigt die Umbenennung von User Experience zu Product Experience auch unser Scheitern in einem Bereich: Fürs Business stand immer das Produkt im Mittelpunkt. Das ist es, woran sie zuallererst denken und was sie voranbringen wollen. Natürlich war immer klar, dass Menschen das Produkt kaufen müssen. Aber das Zentrale ist für die meisten in den Unternehmen eben das Produkt.

Und jetzt auch noch KI / AI Experience?

Mit KI / AI (artificial intelligence) kommt AX – AI Experience. Der Begriff taucht auf, weil KI als zentrale Technologie eigene Regeln und Erwartungen erzeugt. Und warum gab es keine Smart Speaker Experience (SSX)? Keine Virtual Reality Experience (VRX)? Weil die nicht sexy genug waren. KI/AI schon.

Kürzel sind immer vor allem Marketing und Positionierung, weniger fundamentale Neudefinitionen des Berufs. Der Begriff AX signalisiert: „Wir sind vorne dabei.“ Inhaltlich wird immer noch UX gemacht. Nur mit einem anderen, neuen Aufkleber.

Wenn Firmen „UX“ aus dem Titel streichen – Beispiele und Motive

Der Web-Shop-Anbieter Shopify geht mit den Titeln einen anderen Weg als Duolingo, doch auch hier „verschwindet“ UX. UX Designer werden dort zu Designern. Content Designer zu Writern. Die Begründung: Vereinfachung. Wenn Sie gestalten, sind Sie Designer. Wenn Sie schreiben, sind Sie Writer.

Content Designer war tatsächlich immer schon seltsam als Begriff – Writer trifft es besser. Aber: Die Spezialisierung UX verschwindet komplett aus dem Titel. Für den Lebenslauf ein Problem. Für die Sichtbarkeit der Disziplin auch.

Was steckt wirklich dahinter?

Es gibt gute Motive: UX soll für alle wichtig sein, nicht nur bei den UX-Leuten. Sehr gut: UX als Haltung, nicht als Spezialaufgabe für einzelne.

Aber es gibt auch weniger noble Motive: Titel-Vereinheitlichung vereinfacht die Verwaltung. Wenn alle „Designer“ heißen, wird die Einordnung ins Gehaltsschema einfacher – und günstiger, weil sich spezialisierte Rollen schwerer vergleichen und verhandeln lassen.

Generalistisch geschnittene Rollen („Designer“ statt etliche Spezialtitel) sind außerdem flexibler einsetzbar. Und in Sparphasen lässt sich so elegant optimieren: Aus fünf „UX Designern“ werden drei „Designer“ – klingt nach Modernisierung, nicht nach Stellenabbau.

Titeländerungen sagen mehr über Machtverschiebungen und Kostenlogik in Unternehmen als über den Wert von UX. Für manche fühlt es sich vielleicht bedrohlich an. Aber die Notwendigkeit, sich um die UX zu kümmern, verschwindet nicht mit dem Begriff.

Liniengrafik aus Google Books Ngram (1990–2022), die die Häufigkeit der Begriffe „User Experience“, „Customer Experience“, „Product Experience“ und „AI Experience“ zeigt: „User Experience“ steigt ab ca. 2005 stark an und liegt deutlich vorn, „Customer Experience“ folgt mit geringerem, aber stetigem Wachstum, während „Product Experience“ und „AI Experience“ nahe Null bleiben.
Im Ngram Viewer sieht man, wie sich die Häufigkeit der Begriffe in Büchern von 1990 bis 2022 verändert hat.

Das Berufsbild hinter den Begriffen: Was im Kern bleibt

Als UXler wissen wir: Das Produkt wird nur erfolgreich, wenn Nutzende in die Entwicklung einbezogen werden. Wenn wir das künftig als PXler oder Designer tun – sei es drum. Die Methoden dafür bleiben:

Menschzentrierte Entwicklung als Konstante

UX ist eine Haltung: Bedürfnisse, Ziele und Einschränkungen der Nutzenden zu kennen ist nicht nice to have, sondern Ausgangspunkt. Mit welcher „Experience“ wir uns auch befassen – die Kernidee bleibt gleich.

Kernaufgaben von UX – jenseits des Titels

Nutzende verstehen: User Research planen und durchführen – Interviews, Tests, Beobachtungen, Daten analysieren. Erwartungen, Gewohnheiten und Bedürfnisse und Probleme systematisch erfassen. Ohne dieses Verständnis bleibt jede Gestaltung Spekulation, eine riskante Wette.

Betreibende und Business verstehen: Geschäftsziele, KPIs, Zwänge und Chancen des Unternehmens kennen. Verstehen, wie das Produkt Geld verdient oder Wert schafft. Nur wer beide Seiten versteht – Nutzende und Business – kann erfolgreich vermitteln.

Vermitteln zwischen Perspektiven: Anforderungen von Nutzenden und Business zusammenbringen, technische Machbarkeit einbeziehen. In Meetings, Workshops und mit Dokumenten/Artefakten (Wireframes, Flows, Prototypen, Storyboards) vermitteln und übersetzen. Diese Vermittlungsrolle ist zentral – unabhängig vom Titel.

Konsequenz für das Berufsbild

Wer so arbeitet, übt einen UX-Beruf aus – unabhängig vom offiziellen Titel. Titel verändern sich, der Mix aus Fähigkeiten und Haltung bleiben der stabile Kern.

Karriere und Ausbildung: Worauf Sie sich konzentrieren sollten

Hier also meine persönliche Empfehlung für Ihren eigenen Weg.

„CEO“ kann man nicht studieren – UX schon, muss man aber nicht

Niemand studiert „CEO“ – man studiert BWL, Informatik oder etwas ganz anderes und wächst in die Rolle hinein. Analog gibt es Studiengänge mit „UX“ im Namen, aber viele UX-Profis kommen aus anderen Richtungen: Psychologie, HCI, Design, Informatik, Wirtschaftswissenschaften, Kommunikationswissenschaften. Der Titel des Studiengangs ist weniger wichtig als das, was man lernt.

Welche Kompetenzen im UX-Bereich zählen

Fachliche Kompetenzen: Research-Methoden (qualitativ und quantitativ), Informationsarchitektur, Prototyping-Tools, Interaktionsdesign, Evaluationsmethoden. Sie müssen nicht alles beherrschen, aber Sie brauchen ein solides Fundament.

Überfachliche Kompetenzen: Moderation, Stakeholder-Management, Kommunikation mit Business-Entscheidenden und Technik. Die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte verständlich zu machen und zu visualisieren – technisches Können allein reicht nicht.

Fazit: Titel sind Mode – UX bleibt

KI und wirtschaftliche Unsicherheit verändern Aufgaben und Tools – aber sie verstärken eher den Bedarf an gut gestalteten, verantwortungsvollen Erlebnissen. Gerade wenn KI-Anwendungen für Nutzende komplexer macht, braucht es Leute, die dafür sorgen, dass die Ergebnisse für Menschen funktionieren.

Wer heute im UX-Bereich arbeitet oder einsteigen will, setzt auf ein Berufsfeld, das wichtiger wird, nicht unwichtiger. Wir müssen die Zukunft der digitalen Produkte und Services gestalten – mit KI, über KI und für Menschen. Die Arbeit geht uns nicht aus. Nur auf der Visitenkarte steht vielleicht etwas anderes.

Wer seine Rolle und mögliche Wege im UX-Bereich strukturiert durchdenken will, findet in meinem LinkedIn-Learning-Kurs zur UX-Karriereplanung eine kompakte Orientierung:

Screenshot Audiokurs LinkedIn Learning User-Experience-Berufsbild und Karriereplanung
Der Audiokurs bei LinkedIn Learning dauert eine knappe Stunde und vermittelt meine persönlichen Tipps für die Karriere im Bereich UX.

Der reine Audiokurs hilft beim Einstieg in den UX-Beruf wie auch bei der Weiterqualifizierung: von Studiengängen über Bootcamps bis zum Quereinstieg. Sie erfahren, welche Arbeitsbereiche es gibt (Research, Design, Evaluation), wie der Alltag aussieht und wie Sie Ihr Portfolio aufbauen. Dazu konkrete Fahrpläne für Spezialisierung, Jobsuche und Zertifizierung.

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