Newsletter 01/2003 – Barrierefreie Sites – legen Sie Ihren Besuchern keine Steine in den Weg

Ausgangssituation

Wenn Sie eine Site planen, möchten Sie in der Regel eine möglichst große Zielgruppe erreichen. Doch viele lassen hunderttausende von potentiellen Benutzern außen vor. Dabei wäre das mit geringem Aufwand zu ändern.

Laut dem Verein für Behinderte in Gesellschaft und Beruf (www.bigub.de) hat jeder fünfte deutsche Internetnutzer wegen körperlicher Einschränkungen mehr oder weniger große Probleme bei der Webnutzung. Manche sehen schlecht oder gar nicht, andere sind taub, haben Probleme mit der Feinmotorik oder bei der Konzentration. Die größte Gruppe ist in Deutschland die der Blinden und Sehbehinderten mit gut 650.000 Menschen.

Der Computer ist für viele behinderte Menschen eine Möglichkeit, sich in Arbeit und Privatleben besser in die Gesellschaft zu integrieren. Doch dabei gibt es noch immer einige Hürden, die sich aber mit geringem Aufwand bei der Erstellung der Webseiten überwinden lassen.

Doch es geht nicht nur um blinde Menschen. Auch Menschen mit Leseschwäche oder geringer Schulbildung sind nicht selten Teil der Zielgruppe einer Website. Und wer sitzt nicht öfter mal übermüdet oder in einer lauten Umgebung vorm Rechner und hat daher Konzentrationsprobleme? Genauso sind Menschen mit alter Hardware oder langsamen Internetanbindungen in der Nutzung vieler Sites eingeschränkt. Solche Nutzer profitieren von einer barrierefreien Site genauso.

Gesetzeslage

Seit dem 1. Mai 2002 ist das Bundesbehindertengleichstellungsgesetz (BBGG) in Kraft. Es schreibt Bundesbehörden und Behörden, die Bundesrecht ausführen vor, ihre Internet- und Intranetseiten barrierefrei zu gestalten.

Gewerbliche Betreiber von Websites werden aufgefordert, dasselbe zu tun.

In den USA müssen Behörden schon seit längerem ihre Websites barrierefrei umsetzen (Anti-Diskriminierungsgesetz, Artikel 508). Im Amerikanischen spricht man von accessibility (Barrierefreiheit).

Hilfsmittel

Webseiten lassen sich auch als Mensch mit Sehbehinderung erfassen, wenn die Informationen darauf  richtig aufbereitet sind. Die gebräuchlichsten Hilfsmittel dazu sind (mit abnehmender Häufigkeit der Anwendung):

* Große Bildschirme und individuelle Farbeinstellungen

* Vergrößerung des Bildschirminhalts  mit speziellen Programmen

* Sprachausgabe
Der Text auf dem Bildschirm wird von einem so genannten
Screenreader erfasst  und mit einer synthetischen Stimme vorgelesen.

* Braille-Zeile
Ein Screenreader setzt die Texte in Punktmuster um, die so genannte Blinden- oder Braille-Schrift,. Sie wird auf einem speziellen Gerät  ausgegeben. Dieses ist eine schmale Leiste mit kleinen Stiften, die sich heben oder senken. Die entstehenden Muster können geübte Nutzer mit den Fingerkuppen abtasten und entziffern.

Vorurteile

Eine Site barrierefrei machen heißt, Funktionen hinzufügen, nicht auf Funktionen verzichten. Es heißt, die Site für alle Benutzer leichter bedienbar zu machen, nicht für einige wenige.

Sie müssen nicht auf Bilder, Tabellen, Flash oder rot/grüne Elemente verzichten. Alles was Sie tun sollten ist, dafür zu sorgen, dass Ihr Inhalt zugänglich ist.

* Mit dem ALT-Tag können Sie den Inhalt von Bilden angeben,

* mit einer sinnvollen Struktur bleiben Tabellen auch verständlich, wenn sie Zeile für Zeile vorgelesen werden,

* mit einer aussagkräftigen Zusammenfassung lassen sich Flash-Filme beschreiben oder

* mit zusätzlichen Beschriftungen rot/grüne Buttons eindeutig machen.

Der Arbeitsaufwand dafür ist kaum höher als für ein herkömmliches Web-Projekt, wenn die Barrierefreiheit von Anfang an eingeplant wird.

Die Barrierefreiheit ist noch immer eine Besonderheit und lässt sich daher verwenden, um sich gegenüber der Konkurrenz hervorzuheben. Das heißt, ein barrierefreier Auftritt im Web bringt nicht nur die Benutzer auf die Site, die darauf angewiesen sind, sondern noch weitere, die das Engagement der Betreiber für eine gute Sache schätzen.

Vorgehen

Die Schritt-für-Schritt-Umstellung  einer vorhandenen Site ist möglich. Beginnen Sie mit der Startseite. Machen Sie mit den Seiten weiter, die am häufigsten besucht werden. Erstellen Sie alle neuen Seiten barrierefrei. Passen Sie nach und nach alle Seiten an.

Achten Sie generell auf folgende Punkte:

Text – Inhalt

* Sorgen Sie für eine klare Gliederung. Das macht es allen Benutzern leichter, den Text zu erfassen. Hilfsprogramme können den Text dann ebenfalls besser wiedergeben.

* Verwenden Sie eine klare, möglichst einfache Sprache. Halten Sie Ihre Texte so kurz wie möglich.

Text – Formatierung

* Setzen Sie HTML-Formatierungsmöglichkeiten ein, um Überschriften verschiedener Ebenen (H1, H2 usw.), Listen, Zitate usw. kenntlich zu machen.

* Legen Sie möglichst keine absoluten Schriftgrößen fest. So kann jeder Benutzer in seinem Browser einstellen, wie groß der Text dargestellt werden soll. (Also lieber „+2“ als „12 pt“ setzen.)

* Falls Sie Wert auf die exakte Formatierung legen, verwenden Sie Cascading Style Sheets (CSS). Damit sind Sie einerseits flexibel, da Designänderungen schnell umzusetzen sind. Andererseits können Behinderte die CSS in ihrem Browser ausschalten und sich Schrift so anzeigen lassen, dass sie sie gut lesen können.

* Testen Sie, ob die Seiten auch ohne CSS benutzbar sind.

Hyperlinks

Verlinken Sie Text so, dass die Links auch ohne Zusammenhang Sinn ergeben. „Klicken Sie hier“ ist kein vernünftiger Link. Ein Link sollte beschreiben, wohin er führt.

Tabellen & Frames

* Sehen Sie bei allen Tabellen mit Daten eine Überschrift für jede Spalte und Zeile vor.

* Gehören bestimmte Bereiche logisch zusammen, machen Sie das  mit Überschriften o. Ä. deutlich. Eine Markierung durch Farbe allein ist nicht ausreichend.

* Frames sind generell schwieriger barrierefrei umzusetzen. Verzichten Sie möglichst auf diese.

* Falls Sie Frames dennoch benutzen, geben Sie jedem Frame einen aussagekräftigen Titel. Verwenden Sie das NOFRAMES-Tag, um den Inhalt zu beschreiben. Das wird von Browsern dargestellt, die keine Frames unterstützen.

Farben

* Achten Sie auf großen Kontrast zwischen Hintergrund und Schrift.

* Vorsicht bei Hintergrundbildern oder -Mustern. Diese verschlechtern oft die Lesbarkeit.

* Verzichten Sie auf die Kombination Rot-Grün, da Farbenblinde diese Farben nicht unterscheiden können.

* Verlassen Sie sich möglichst nicht darauf, Dinge ausschließlich über ihre Farbe zu unterscheiden.

Bilder

* Unterlegen Sie jedes Bild mit einem beschreibenden ALT-Text. Dieses wird angezeigt, wenn der Browser keine Bilder darstellen kann oder diese Funktion ausgeschaltet ist. Screenreader lesen die ALT-Tags vor, so dass auch Sehbehinderte wissen, was auf der Site steht. Alle Benutzer schätzen die ALT-Texte, da sie dadurch schon wissen, was sie erwartet, während das Bild noch geladen wird. Wenn dieses sie nicht interessiert, können sie zu einer anderen Seite wechseln und müssen nicht warten, bis das Bild geladen ist.

* Ist ein Bild verlinkt, beschreiben Sie dessen Ziel im ALT-Text.

* Setzen Sie nur client-side image maps ein. (Mit image maps können Sie verschiedene Bereiche eines Bildes mit verschiedenen Web Seiten verlinken.)  So können Screenreader dem Benutzer verraten, welche Links angeboten werden, da alle Information dazu auf der Webseite vorhanden ist.

Bilder, die keine sein müssen

* Verwenden Sie wo immer möglich Text, keine Bilder. Das macht Änderungen einfach, da sie direkt im HTML-Text durchgeführt werden können. Screenreader und Vergrößerungstechniken können Text direkt in für Behinderte zugängliche Form bringen.

* Falls Sie unbedingt Grafiken mit Text verwenden möchten (z.B. für Menüs), dann sorgen Sie mit einem ALT-Text dafür, dass die Website auch ohne diese benutzbar bleibt.

* Setzen Sie auch ALT-Texte für Symbole, Aufzählungszeichen, unsichtbare Bilder (Spacer, werden zur Formatierung verwendet) usw. Damit  weiß jeder Bescheid, wofür die jeweiligen Elemente auf der Seite stehen und es ist klar, dass auch Menschen nichts entgeht, die die Bilder nicht sehen.

Audio & Video

* Sehen Sie für gesprochenen Text und für Video eine Beschreibung vor, welche die relevanten Inhalte zusammenfasst.

* Mehrere kleine Portionen sind einer langen vorzuziehen. Das ist nicht nur leichter zu beschreiben, sondern auch praktischer für alle Nutzer, die vielleicht nur Teile der Informationen abrufen möchten.

Animationen

* Setzen Sie nur Animationen ein, die echten Mehrwert bringen. Animationen sind aufwändig in der Umsetzung, meist nicht so einfach zu warten wie reiner Text und meist wollen die Benutzer lediglich Informationen so schnell wie möglich finden – was mit Text fast immer besser geht. Außerdem wird Text ohne Probleme von Suchmaschinen gefunden und indiziert.

* Vermeiden Sie Flimmern. 20 Hertz-Flimmern (20 Bildwechsel pro Sekunde) kann bei Epileptikern einen Anfall auslösen. Fast alle Menschen empfinden solch ein Flimmern als unangenehm.

Skripts und Applets

Sorgen Sie dafür, dass Ihre Seiten auch benutzbar sind, wenn Skripten, Applets oder andere programmierte Elemente deaktiviert sind. Sehen Sie die Informationen in Textform vor, die darin enthalten sind.

Die Notlösung

Falls Sie sich nicht in der Lage sehen, eine barrierefreie Version der Seiten zu erstellen, verlinken Sie zu einer Nur-Text-Version. Das ist aber immer nur eine Notlösung, weil

* Sie damit doppelten Wartungs-Aufwand haben,

* fast alle Maßnahmen zur Barrierefreiheit allen Ihren Benutzern zu Gute kommen und weil

* sich die Menschen leicht ausgegrenzt fühlen, die auf eine barrierefreie Version angewiesen sind.

Achten Sie unbedingt darauf, dass die Nur-Text-Version alle Informationen enthält und mit so viel Sorgfalt gepflegt wird wie die nicht barrierefreie Version.

Links

www.bmwi.de/Homepage/Politikfelder/Informationsgesellschaft/Digitale%20Integration/Barrierefreiheit.jsp

Kommentierte Linkliste zu Informationen zum barrierefreien Internet beim Bundeswirtschaftsministerium.

www.digitale-chancen.de

Informationen, Hintergründe und Umfragen zur Barrierefreiheit vom Wirtschaftsministerium. Unter anderem gibt es hier die empfehlenswerte Broschüre „Barrierefreie Web-Angebote. Service für Betriebe & Unternehmen“.

www.w3.org/WAI/Resources

Einführungen, Checklisten und Praxistipps der Web Accessibility Initiative des World Wide Web Consortiums. Ausführlich und gut, aber nur auf Englisch.

www.webforall.info

Gute Einführung in die Problematik mit Beschreibung der vorhandenen Techniken, die Behinderten die Internetnutzung erlauben. Auch ein Auszug aus dem Bundesbehindertengleichstellungsgesetz (BBGG) ist verfügbar. Web for All ist ein Projekt des Vereins zur beruflichen Integration und Qualifizierung (VbI).
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(c) Jens Jacobsen 2003

Bei Weiterleitung oder Zitat bitte Quellenangabe („Quelle:
benutzerfreun.de-Newsletter Januar 2003“).

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