Geschmack – darüber können wir streiten – Newsletter 9/2026

Stellen Sie sich vor: Sie sehen zwei Entwürfe für die Startseite Ihrer neuen Website. Einen finden Sie gut, den anderen nicht. Warum?

Gerade wer keine Design-Ausbildung hat, tut sich oft schwer mit der Begründung. Aber solche Beurteilungen werden immer wichtiger, weil immer mehr Menschen mit Design-Ergebnissen von KIs zu tun haben. Hier können wir etwas lernen von der Design-Ausbildung. Ich unterrichte nicht nur UX-Design, sondern auch Screendesign im Studiengang Kommunikationsdesign. Und da geht es mir oft zunächst so, wie eben beschrieben: Vor mir liegen zwei Abschlussarbeiten. Die erste beschreibt, wie die Zielgruppe erfasst und ihre Eigenschaften, Probleme und Bedürfnisse erkundet wurden. Leitet ein sauberes Konzept ab. Stellt ein überzeugendes Farbkonzept vor, eine gute Auswahl von Schriften, alles durchdacht, sauber argumentiert, gut geschrieben. Doch dann der Blick auf die Umsetzung: Irgendetwas stimmt nicht, man sieht es auf den ersten Blick. Dann die zweite Arbeit. Der Methodenteil dünn, die Herleitung sehr allgemein, Schriftarten und Farben Standard. Der Blick auf die Umsetzung hier: Alles ist sauber ausgeführt. Es wirkt fertig, ausgewogen, rund. Nicht einzigartig, aber handwerklich gut umgesetzt.

Man fragt sich: Woher kommt dieser Unterschied in der Qualität der Umsetzung? Es könnte natürlich sein, dass die zweite Gruppe einfach mehr Zeit in die Gestaltung als in die Herleitung gesteckt hat. Aber nach allem, was ich aus Kolloquien und Gesprächen mit den Studierenden weiß, ist es nicht so. Was ist es dann?

Begabung ist es nicht

Schnell ist man dabei, es auf Begabung zu schieben: Manche könnten es halt einfach.

Die nächste schnelle Erklärung ist: Es wurde KI verwendet – entweder für die Dokumentation oder für das Ergebnis. Oder für beides. Doch diese Erfahrung machen andere Dozierende und ich seit Jahren, und viel hat sich daran nicht geändert, seitdem KIs so viel können.

Fragen wir die Studis, warum sie Dinge so gestaltet haben, kommt bei den früheren Semestern keine Antwort. Nur etwas in die Richtung „weil es gut aussieht“. Heißt das, man kann das nicht begründen? Auf keinen Fall. Aber es heißt, das Können ist oft vor dem Begründen-Können da.

Was aber wirklich dahintersteckt: Ein Designstudium dauert mindestens sechs Semester. Und ist richtig viel Arbeit. Jede einzelne Abgabe bedeutet: Man gibt ein Ergebnis ab, aber hat oft viele, viele Ansätze, die man alle verworfen hat. Man beginnt auch nicht mit der fertigen Site. Man sieht sich andere Sites an, man sammelt Inspirationen (z. B. in Moodboards), macht Scribbles, skizziert Lösungen, die nichts taugen. All das gehört dazu, all das sieht niemand.

Dazu gibt es eine schöne Geschichte, die dem chinesischen Philosophen Zhuangzi zugeschrieben wird (er lebte im 4. Jahrhundert v. Chr.), aber vermutlich von europäischen Autoren wie Italo Calvino im 20. Jahrhundert zumindest deutlich ausgeschmückt wurde: Der Kaiser beauftragt einen berühmten Künstler, eine Krabbe zu zeichnen. Dieser fordert ein Landhaus mit Dienern und viel Zeit. Nach einigen Jahren schickt der Kaiser einen Diener mit der Frage, wo denn die Zeichnung bleibe. Der Meister sagt, das dauere noch. Einige Zeit später bekommt der nächste Diener die gleiche Auskunft. Schließlich hat der Kaiser genug und sucht den Meister persönlich auf. Dieser greift zum Pinsel und zeichnet in wenigen Schwüngen die schönste Krabbe, die der Kaiser je gesehen hat. Der fragt erbost, warum er das nicht gleich getan habe. Der Meister öffnet stumm die Tür zum Nebenraum. Darin: Dutzende ausgestopfte Krabben und Hunderte Probezeichnungen verstreut auf dem Boden und an jeder Wand.

Es geht nicht nur um Kunst

Ähnliches gilt auch für Bilder, die keine Kunst sind: Eine Radiologin blickt auf ein Röntgenbild und entdeckt in Sekunden einen Haarriss, den wir auch nicht sehen, wenn wir minutenlang darauf starren. Niemand kommt auf die Idee, das als Begabung zu bezeichnen. Sie hat in ihrer Ausbildung und der täglichen Arbeit so viele Röntgenbilder gesehen, dass sie einfach weiß, wie so etwas aussieht. Brüche in Knochen zu erkennen kann man genauso lernen wie Brüche im Layout. Beides braucht seine Zeit und vor allem Übung.

Foto eines Hüftknochens mit drei Pfeilen, welche die Position des Bruchs anzeigen
Und, erkennen Sie den Haarriss im Knochen? Ich nicht, selbst mit der genauen Angabe der Position tue ich mir schwer. (Quelle: Chen et al.)

Und darüber zu lesen oder Vorlesungen zu hören hilft, reicht aber nicht. Beim Layout wie beim Röntgenbild. Der US-Journalist Daniel Coyle hat das schon vor Jahren in seinem Buch The Talent Code beschrieben, nachdem er Orte besucht hatte, die auffällig viele Spitzenleute hervorbringen. Etwa eine Tennisakademie, ein Musikkonservatorium und die Bolzplätze brasilianischer Straßenfußballer. Eine Erkenntnis: Besonders gut lernen wir, wenn wir gefordert werden. Und wenn jemand uns dann im richtigen Moment mit genau dem Tipp unterstützt, der uns an der Stelle weiterbringt. Es geht um Motivation, um Engagement und um gute Lehre. Einfach nur das öfter zu tun, was man schon kann, bringt uns nicht weiter.

Bleibt die Frage, ob es nicht doch noch Begabung braucht. Bei den Röntgenbildern ist klar: Auch Laien können lernen, Haarrisse zu erkennen. Sie müssen es nur üben. In einer Studie (Chen et al.: Perceptual training to improve hip fracture identification in conventional radiographs, PLOS ONE 2017) beurteilten 139 Studierende ohne jede medizinische Vorbildung Röntgenbilder von Hüften und sollten auf ihnen mögliche Brüche finden. Es gab nur eine Rückmeldung: richtig oder falsch, dazu die Stelle des Bruchs. Regeln lernten sie keine. Nach knapp einer Stunde und rund 1.100 Bildern erreichten die Besten 90 Prozent Trefferquote. Mehr schaffen zertifizierte Radiologie-Fachleute auch nicht. Bei komplexeren Diagnosen dauert das Jahre, aber der Lernweg ist oft gleich: viel Übung, sofortige Korrektur. Und Menschen unterscheiden sich darin, wie schnell sie lernen. Ob das an Engagement, Intelligenz oder anderen Faktoren liegt, ist für die Praxis zweitrangig: Der Weg aber steht allen offen. Was für Außenstehende wie ein Geschenk aussieht, ist oft jahrelange Übung.

Gestalten kann man lernen

Seit über 100 Jahren sind die Gestaltgesetze bekannt (nicht, wie es auch Studierende gerne falsch schreiben, Gestalt_ungs_gesetze!). Die finden sich in jedem Grundlagenwerk und scheinen vielleicht banal: Das Gesetz der Nähe etwa besagt, dass wir Dinge, die näher beieinander stehen, als zusammengehörig empfinden. Das Gesetz der Ähnlichkeit: Was einander ähnlich sieht, gehört gefühlt zusammen. Die Gestaltgesetze erklären aber gut, wie unser Wahrnehmungsapparat Ordnung in das bringt, was wir sehen. Mit diesen einfachen Regeln lassen sich auch komplexe Layouts untersuchen. Und es lässt sich vor allem in Worte fassen, warum manche Entwürfe „funktionieren“ und andere eben nicht.

Zwei Abbildungen mit grauen Rechtecken (links), und etlichen grauen, dazwischen 2 orange Rechtecken
Links sehen wir eine Gruppe von 4 Quadraten und eine mit 8 – das ist das Gesetz der Nähe. Niemand würde das als 2 Gruppen mit je 6 Quadraten beschreiben, obwohl das ja nicht falsch wäre. Rechts nehmen wir die 2 orange Quadrate als zusammengehörig wahr – Gesetz der Ähnlichkeit.

Stelle ich Studierenden die Gestaltgesetze vor, ernte ich oft zunächst ein Schulterzucken. Bleibt man nur bei den Prinzipien, wirken sie abstrakt, und man kann die Regeln im besten Fall nutzen, um Gestaltung im Nachhinein zu beurteilen. Um die Gestaltgesetze aber zu verinnerlichen, braucht es Übung. Nicht viel, aber praktische. In Präsenz kann man das machen, indem man etwa Steine und Stöcke arrangieren lässt. Man merkt schnell: Es gibt ästhetische Anordnungen, es gibt überraschende und es gibt langweilige. Und wenn man dabei die Gestaltgesetze einbringt, lernt man schnell, warum das jeweils so ist. Das geht übrigens auch allein – eine lohnende Übung: Nehmen Sie alle Stifte, die bei Ihnen auf dem Schreibtisch herumliegen und ordnen Sie sie an. Erst zufällig, dann bilden Sie Gruppen. Spielen Sie mit Abständen und Mustern. Machen Sie jeweils Fotos. Wenn Sie das ein paar Mal getan haben, vergleichen Sie die Bilder. Sie werden schnell merken, wann Ihr „Auge“ Ordnung wahrnimmt, wann interessante und wann langweilige Kompositionen.

Screenshot der Website Domestika, auf dem der Kurs "Gesetze der visuellen Wahrnehmung" angezeigt wird
Auf dem Kursportal Domestika gibt es einen Kurs zum Lernen der Gestaltgesetze. Alles zum Anfassen, es wird nicht gezeichnet oder gemalt. https://www.domestika.org/de/courses/105-die-gesetze-der-visuellen-wahrnehmung-einheit-gewicht-gleichgewicht-und-bewegung

Was auch gut ist, aber eben wieder nur das Erkennen schult: Websites besuchen und dort Beispiele für Gestaltgesetze suchen. Nicht schlecht, ersetzt aber nicht die praktische Anwendung.

Design verkaufen – und verstehen

Vielleicht kennen Sie Gestaltungspersönlichkeiten, die ihre Entwürfe super überzeugend „verkaufen“ können, also sie vorstellen und begründen. Auch das lernt man. In den höheren Semestern können die meisten Studierenden das schon ganz gut. Manchmal habe ich den Verdacht, und zwar nicht nur bei den Studis: Die Begründung kommt erst nach dem Entwurf. Es sind nachgeschobene Rationalisierungen. Es geht manchmal mehr darum, seine Entscheidungen zu verteidigen.

Das lässt sich immer wieder beobachten, auch bei Profis. Es gibt ein Buch namens „UX-Design überzeugend vermitteln“ von Tom Greever – wobei es im Englischen kein UX im Titel hat, was eigentlich korrekter ist, denn um UX geht es kaum. (Die erste Auflage habe ich hier im Newsletter besprochen.) Darin kommt erst auf Seite 169 von 241 das erste Mal der Aspekt vor, dass man zuhören sollte, was andere zur eigenen Designpräsentation sagen, weil die eigene Lösung Schwächen haben könnte. Das finde ich fatal, denn davon müssen wir immer ausgehen. Genau das lernen viele im Studium aber nicht.

Aber ich muss mich auch an die eigene Nase fassen: Ich habe natürlich auch ein Bauchgefühl, wenn ich eine Gestaltung sehe. Dann nehme ich aber Heuristiken, Checklisten, Kriterienkataloge und andere Instrumente zur Hand, um meinen ersten Eindruck abzusichern und zu hinterfragen. Und da kommt durchaus einmal heraus, dass eine Gestaltung besser ist, als ich zunächst dachte.

Und natürlich kann eine gute Begründung helfen, Designentscheidungen nachzuvollziehen. Sie zeigt, dass bei der Gestaltung nachgedacht wurde. Und gerade, wenn man selbst die Zielgruppe nicht besonders gut kennt (Kinder, ältere Menschen, Angehörige von Spezialberufen …), dann ist auf das eigene Bauchgefühl nicht viel Verlass. Es muss ja nicht uns gefallen, sondern der Zielgruppe.

KI kann Design

KI gestaltet, und moderne Modelle wie Claude Fable machen das auch ziemlich professionell. Dass die Ergebnisse einander meist sehr, sehr ähnlich aussehen, liegt in der Natur der Sprachmodelle. Und ein Stück weit in der Faulheit oder zumindest Unerfahrenheit der promptenden Personen. Denn die Sprachmodelle sind nun mal darauf trainiert, die wahrscheinlichsten Lösungen zu produzieren – nicht die besten, schon gar nicht die speziellsten.

Mit KI gestalten wir nicht, sie macht uns nicht zu Design-Profis. Mit KI erzeugen wir nur, wir sind Generierende. Zu Gestaltung gehört auswählen, kritisieren, verwerfen, nachbessern, neu machen. Und: Begründen können. Nehmen wir den ersten Vorschlag, haben wir all das nicht gemacht.

KI kennt auch die Gestaltgesetze – und das können Sie nutzen. Etwa als Lernpartner. Lassen Sie sich von der KI bei einer Website zeigen, wo die Gesetze von Nähe, Ähnlichkeit etc. wirken – und wo sie verletzt werden.

Außerdem können Sie der KI sagen, sie soll Entwürfe nach Gestaltgesetzen beurteilen. So bekommen Sie Hilfe dabei, aus Ihrem Gefühl, dass etwas nicht stimmt, eine fundierte Kritik zu machen, über die sich streiten lässt.

schematische Darstellung eines Teils der Website bahn.de mit Rechtecken statt Texten, die Abstände zwischen den Elementen sind mit Pixelabständen vermaßt.
Claude kann auf Wunsch eine interaktive Übersicht erstellen, die Gestaltgesetze auf einzelnen Websites analysiert. (das Artefakt zum Ansehen)

Bitte mit Geschmack

Immer wieder liest man, dass das, was Menschen in Zukunft brauchen, Geschmack ist. Denn unser Geschmack würde entscheiden, ob wir die richtigen KI-Ergebnisse auswählen. Das stimmt nur zum Teil, und ein Problem beim Begriff „Geschmack“ ist, dass er unterschiedliche Sachen meint:

  1. Handwerk: Erkennen wir handwerkliche Qualität – berücksichtigt eine Gestaltung die Gestaltgesetze?
  2. Vorliebe: Mögen wir sie? – das ist oft das einzige Kriterium bei der Abnahme von Entwürfen, es ist aber das unwichtigste. Da sind wir wieder beim Klassiker, dass der Wurm dem Fisch schmecken muss, nicht der Person, die angelt.
  3. Urteil: Passt die Gestaltung zum Geschmack der Zielgruppe? Das heißt, ist die Gestaltung richtig für den Zweck, den wir mit ihr erreichen wollen, passt sie zur Marke? Das alles braucht ein geschultes Auge.

Und um die erste und die dritte Art von Geschmack müssen wir uns bemühen. Über die zweite Art zu streiten bringt nichts. Aber über die beiden anderen sehr wohl: Denn hier gibt es Kriterien und Argumente. Hier können wir sinnvoll über Geschmack streiten, statt Dinge hinzunehmen. Und das geht nicht ohne Übung. Damit sind wir wieder beim Meister, der die Krabbe mit ein paar Strichen zeichnet – nach Jahren des Studiums.

Auch streitet eine KI nicht mit Ihnen. Sie antwortet hilfreich, bestärkend – und findet daher auch an wenig gelungenen Entwürfen fast nur Positives. Mit eigenem Geschmack können Sie aber kritisieren und begründen, was Sie warum nicht gut finden. Solche Reibung bekommen Sie nur von Menschen. Suchen Sie sich also solche, die Geschmack haben und nicht zu allem ja sagen, wenn Sie besser werden wollen.

Und was machen Sie nun also mit den zwei Entwürfen für die Website vom Anfang? Nächstes Mal können Sie vielleicht mehr sagen als „gefällt mir“. Vielleicht können Sie zeigen, wo Gestaltgesetze verletzt werden. Und das kann zu einem wunderbar produktiven Streit führen.

In eigener Sache

Wenn Sie das Sehen selbst üben wollen, statt nur darüber zu lesen: Ende September beginnt mein Kurs Websites entwickeln mit KI. An drei Abenden zu je zwei Stunden bauen wir eine fertige Site. Dabei geht es auch immer um die Frage, die diesen Newsletter durchzieht: Wie kommt man zu einem guten Ergebnis, auch wenn das eigene Auge (oder allgemeiner: das Urteil) noch nicht trainiert ist? Mit KI und ein paar Regeln geht das erstaunlich gut.

Links

Tom Greever: Articulating Design Decisions
meine Besprechung der ersten Auflage

Chen et al.: Perceptual training to improve hip fracture identification, PLOS ONE 2017
die Studie, bei der man Knochenbrüche erkennen sollte

Daniel Coyle: The Talent Code
das Buch des Journalisten, der Talentschmieden besucht hat

Sarah Gibbons, Kate Moran: Design Taste vs. Technical Skills in the Era of AI
Kurze Darstellung von zwei Kolleginnen der Nielsen Norman Group, warum wir Geschmack brauchen, um Design zu beurteilen. Stellvertretend für viele Artikel mit ähnlicher Argumentation.

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