Ich habe das Ende des Webs gesehen. Gerade habe ich die neue Agenten-Funktion von ChatGPT ausprobiert und war kurzfristig ernsthaft verstört. Was war los?

Für meinen Test habe ich den ChatGPT-Agenten gebeten, mir eine Reservierung beim bekannten Koch Ottolenghi in London am 20. August zu machen. Daraufhin hat er sinnvollerweise nachgefragt, welches der Lokale ich meine (es gibt mehrere in verschiedenen Stadtteilen) und welche Uhrzeit ich gerne hätte.
Nachdem ich nicht schnell genug reagiert habe, weil ich den Agenten im Hintergrund hatte arbeiten lassen, hat er die Auswahl für mich übernommen. Der Agent hat die Website in einem eigenen Browser geöffnet und sich mit einiger Mühe durch das Reservierungssystem geklickt. Nur um festzustellen, dass dieses Restaurant ausgebucht ist an dem Tag. Dann hat er es einfach bei einem anderen probiert. Erfolgreich. Er hat einen Tisch für zwei Personen um 19:30 Uhr im Ottolenghi Hampstead ausgewählt.
Dann hat der Agent mir die Kontrolle übergeben. Das heißt, ich musste einen Link im Browser öffnen. Das war nicht einfach nur ein Link zum Reservierungssystem, sondern es war alles schon eingetragen – Ort, Datum, Zeit. Ich hätte nur noch Name, E-Mail, Telefonnummer einsetzen müssen und auf OK klicken.
Hätte ich die Reservierung selbst durchgeführt, hätte es mich etwa 5 Minuten gekostet. Der Agent brauchte etwa 7 Minuten – aber ich konnte währenddessen etwas anderes machen. Der Zeitgewinn erscheint klein, doch der Komfort und die Eigenständigkeit, mit der der Agent arbeitete, haben mich mehr beeindruckt als ich erwartet hatte.

Warum sind Agenten so beeindruckend?
Was mich so verblüfft hat, war nicht die technische Leistung. Es war die unmittelbare Erkenntnis, wie grundsätzlich diese Technologie unsere Internetnutzung verändern kann. Es geht hier nicht darum, dass KI schlau ist, gut rechnen kann, mich in Schach besiegt oder kreative Lösungen entwickelt. Es geht um ganz banale Aufgaben. Aufgaben, die auch deshalb so mühsam sind, weil Websites nicht so benutzerfreundlich sind, wie sie sein könnten. Aufgaben, die uns nicht ernsthaft unangenehm sind, die wir aber dennoch gerne abgeben.
Bequemlichkeit ist seit jeher ein entscheidender Erfolgsfaktor für digitale Anwendungen. Ist es wirklich so unfassbar mühsam, einen Lichtschalter zu betätigen, dass ich eine App dafür brauche? Das werden die Wenigsten so empfinden, und doch sind Smart Home-Systeme, die uns diese Arbeit abnehmen, stark nachgefragt.
In zahllosen Usability-Tests habe ich immer wieder beobachtet: Nutzende entscheiden sich grundsätzlich für den bequemsten Weg – nicht für den schnellsten, nicht für den effizientesten, sondern für den, der am wenigsten mentale Anstrengung erfordert.
Mein Aha-Moment bei der Reservierung war, als ich mir ansah, was der Agent getan hat, um sein Ziel zu erreichen. Das zeigt er in einem kleinen Filmchen (wenn man ChatGPT im Browser geöffnet hat) bzw. als Zusammenfassung mit Screenshots (in der ChatGPT App).

Der Agent agierte als mein Stellvertreter, navigierte eigenständig durch das Web und erledigte eine Aufgabe, für die ich normalerweise selbst mehrere Webseiten besuchen, Formulare ausfüllen und Entscheidungen treffen müsste. Ich konnte in der Zeit nicht nur etwas anderes tun – ich hatte die direkte Interaktion mit der Website komplett umgangen. Kein Wegklicken von Cookie-Bannern, kein Suchen, wo denn nun die Reservierungsfunktion versteckt ist.
Diese Erfahrung kann man schwer beschreiben – wenn ich das selbst lese, klingt es nach einer Kleinigkeit. Wenn Sie ein ChatGPT-Abo haben, probieren Sie es unbedingt selbst aus – ansonsten sehen Sie sich zumindest den Film auf YouTube an, den ich davon gemacht habe (https://youtu.be/IgmnTkW7-xg, 4:55 Minuten).
Für mich fühlte es sich an, als würde ich einen Blick in eine Zukunft werfen. Und was ich sah, hat mir nicht unbedingt gefallen. Eine Zukunft, in der Websites in den Hintergrund gedrängt werden, als Zulieferer für Agenten, welche die Schnittstelle zu uns Menschen bilden.
Werden Websites überhaupt noch gebraucht?
Diese Erfahrung wirft fundamentale Fragen auf: Gehen wir in Zukunft nur noch mit Agenten um und nicht mehr mit Websites? Werden Websites dadurch irrelevant oder verschiebt sich lediglich ihre Rolle?
Ich sehe zwei konträre Antworten auf diese Frage:
Position A: Websites verlieren ihre Relevanz
Der Informationsethiker Luciano Floridi, Philosophieprofessor an der Yale-Universität, argumentiert, dass wir uns auf eine „infrastrukturelle Unsichtbarkeit“ der Informationstechnologie zubewegen. Das heißt, wir nehmen Technologie gar nicht mehr wahr, sie ist für uns so selbstverständlich wie Strom oder fließendes Wasser in unseren Wohnungen.
Passiert Websites nun das Gleiche? Werden sie zu für uns unsichtbaren Datenquellen für Agenten?
Nehmen wir folgendes Szenario: Anstatt selbst bahn.de in den Browser zu tippen, sage ich meinem digitalen Assistenten: „Finde mir die schnellste Zugverbindung von München nach Köln am kommenden Montagvormittag, mit Sitzplatzreservierung in der 2. Klasse im Ruheabteil.“ Der Assistent greift im Hintergrund auf Fahrpläne, Auslastungsdaten, Reservierungssysteme und ggf. Verspätungsprognosen zu, wählt die optimale Verbindung aus und bucht sie für mich. Das geht und hat bei mir erschreckende 44 Minuten gedauert – aber ich musste mich am Ende nur noch einloggen und zahlen, die 44 Minuten hat der Agent für mich im Hintergrund gearbeitet.

In diesem Fall habe ich praktisch nichts mehr direkt mit der Website oder der App der Bahn zu tun. Die Benutzeroberfläche, das Design, die Menüführung – all das spielt für mich keine Rolle mehr. Entscheidend ist nur, dass die zugrundeliegenden Daten (Fahrpläne, Preise, Echtzeitinformationen, Buchungsschnittstellen) standardisiert, zugänglich und maschinenlesbar sind, sodass mein Assistent effizient damit arbeiten kann.
Dieses Beispiel illustriert Floridis Konzept der „infrastrukturellen Unsichtbarkeit“: Die Technologie rückt in den Hintergrund, während ihre Funktionen nahtlos in unseren Alltag integriert werden. Entscheidungen, die früher eine bewusste Interaktion mit digitalen Oberflächen erforderten, laufen nun automatisiert und unsichtbar ab – gesteuert von Systemen, die wir kaum noch wahrnehmen. Es fühlt sich nicht anders an, eine solche Aufgabe an einen KI-Agenten zu delegieren als an einen persönlichen Sekretär.
Jakob Nielsen, der bekannte Usability-Pionier, schätzt, dass bis 2030 über die Hälfte aller Online-Transaktionen ohne direkte menschliche Interaktion mit Websites stattfinden. Websites würden dabei als Datenlieferanten für KI-Agenten fungieren, nicht als Nutzerschnittstellen. Unternehmensberatungen wie Gartner haben ähnliche Prognosen.
Das bedeutet: Unsere Möglichkeiten, Menschen durch die Qualität und Inhalte unserer Website zu beeindrucken, sinkt drastisch – weil sie diese oft überhaupt nicht mehr sehen. Andere Kanäle oder Wege, uns bekannt zu machen und zu überzeugen, werden damit immer wichtiger. Es kommt darauf an, unsere Inhalte für Agenten optimal aufzubereiten und diese zu überzeugen. Wie das geht? Darüber müssen wir alle noch hart nachdenken. Ansätze sind aber sicher: hohe Qualität, Empfehlungen und, natürlich, konkurrenzfähige Preise.
Position B: Websites bleiben entscheidend (zumindest teilweise)
Die Gegenposition dazu ist: Markenbildung (Branding), Vertrauensaufbau und ein umfassendes Nutzungserlebnis auf unseren Websites bleiben weiterhin wichtig – besonders bei teuren Anschaffungen, komplexen Entscheidungen oder langfristigen Verträgen. Immer also, wenn emotionale Faktoren und Vertrauen eine Rolle spielen.
Nehmen wir dazu ein anderes Szenario: Ich suche nach einer neuen Kaffeemaschine. Der Agent kann technische Daten vergleichen, Preise recherchieren und Bewertungen analysieren. Aber brauche ich nicht trotzdem Produktvideos, hochwertige Bilder und authentische Testberichte? Bin ich bereit, 1.000 Euro oder noch deutlich mehr auszugeben, ohne jemals die Website des Herstellers besucht zu haben?
Der KI-Agent kann mir objektiv Pumpendruck, Kesselvolumen, Aufheizzeiten und Testberichte verschiedener Modelle gegenüberstellen. Aber es geht um mehr als Fakten: Wie präsentiert sich die Marke? Welche Werte hat sie? Wie sehen die Produktvideos aus – wirken sie professionell und vertrauenerweckend? Welche Erfolgsgeschichten erzählen andere? Solche Vertrauenssignale und die emotionale Ansprache, die für teure Kaufentscheidungen mit entscheidend sind, vermitteln nach wie vor hochwertige Markenwebsites.
Oder wenn ich eine Softwarelösung für mein größeres Unternehmen kaufen/mieten will: Überlasse ich diese 100.000-Euro-Entscheidung der KI? Sicher nicht, ich sehe mir vorher auf der Website des Herstellers Demo-Videos an, lese Fallstudien ähnlicher Unternehmen und überprüfe Feature-Listen und Service-Versprechen.
In diesen Fällen könnten Agenten Inhalte von Websites auslesen und mir präsentieren – etwa Produktvideos, Beispielbilder oder besonders überzeugende Fallstudien bzw. Anwendungsberichte. Die Website bliebe damit relevant, aber ihre Rolle würde sich verändern: vom umfassenden Informationsportal zum bloßen Inhaltslieferanten.
In einigen Fällen will ich mich aber auch persönlich davon überzeugen, dass das Unternehmen seriös und vertrauenswürdig ist. Etwa bei größeren Investitionen, oder auch einfach, weil ich mir gern schöne Dinge ansehe, weil vielleicht der Prozess des Kaufs teil des Vergnügens ist. Etwa beim Aussuchen eines Hotels, beim Kauf eines Fortbewegungsmittels oder auch nur von einem Paar Turnschuhen. Ein Blick auf die Website verrät mir dann oft mehr als jede Produktbeschreibung: Ist das Design professionell oder billig zusammengeklopft? Hat die Site transparente Konditionen und nachvollziehbare Unternehmensinformationen? Wie präsentiert sich das Team – mit echten Gesichtern und Namen oder anonymen Bildagenturfotos? So eine Prüfung der Seriosität lässt sich schwer an Agenten delegieren. Gerade bei teuren Anschaffungen oder langfristigen Verträgen möchten viele selbst einschätzen, ob sie Anbieten über Jahre hinweg vertrauen können.
Die Konsequenz: Websites brauchen vielleicht sogar noch stärker als bisher attraktives Design, hochwertige Inhalte und emotional wirksame Botschaften – parallel jedoch optimiert für das Auslesen und die Präsentation durch Agenten.

Die Rolle der Websites im Zeitalter der Agenten
Ich halte Szenario zwei für wahrscheinlicher, meine Prognosen sind also:
- Die direkte menschliche Nutzung von Sites geht mittelfristig spürbar zurück. Routineaktionen, Kauf von Standardprodukten und günstigen Dingen und Informationsrecherche lassen die meisten Menschen Agenten übernehmen.
- Websites werden irrelevant, wenn Menschen schon entschieden sind. Wenn ich weiß, welches Produkt ich kaufen will oder welche Dienstleistung ich brauche, lasse ich Agenten die Transaktion erledigen. Die Website der Bahn oder Preisvergleichsportale werde ich nicht vermissen.
- Gleichzeitig gewinnen einzelne Inhalte an Bedeutung. Hochwertige Bilder, eindrucksvolle Videos, überzeugende Testimonials oder ausführliche Testberichte sind immer wichtig – auch weil sie von Agenten als isolierte Elemente ausgelesen und Nutzenden präsentiert werden.
- Agenten werden zu Kuratoren, die die besten Teile verschiedener Websites auswählen. Sie filtern Inhalte, setzen sie in Bezug zu weiteren von anderen Sites und personalisieren sie – basierend auf den Vorlieben und dem Verhalten der Nutzenden.
Die Konsequenz: Websites brauchen künftig sowohl eine klare, strukturierte Datenarchitektur für Agenten als auch hochwertige, emotional ansprechende Inhalte für Menschen – gleichzeitig optimiert für die fragmentierte Präsentation der Inhalte durch Agenten.
Was sollten Betreibende von Website jetzt tun?
- Inhalt modularisieren: Gestalten Sie Inhalte modular, sodass sie auch Sinn ergeben, wenn sie aus dem Kontext gerissen werden. Stellen Sie sicher, dass jedes Bild, jedes Video und jeder Textabschnitt auch für sich funktioniert und relevante Informationen vermittelt.
- Visuelle und emotionale Qualität steigern: Investieren Sie in hochwertige Inhalte, die auch überzeugen, wenn sie aus dem Kontext der Website herausgelöst werden. Diese sind letztlich Ihre wichtigsten Markenbotschafter. Die Inhalte brauchen ein gutes, durchgängiges Design, damit sie in jedem Kontext wiedererkennbar sind.
- Vertrauen stärken: Sorgen Sie dafür, dass jeder Inhalt, aber auch Ihre Site als Ganzes so vertrauenswürdig wie möglich wirkt. Letztlich ist das, was in Zukunft eines der stärksten Entscheidungskriterien sein wird.
- Dual-Optimierung etablieren: Optimieren Sie parallel für direkte menschliche Interaktion und für Agenten-Extraktion. Betrachten Sie beide Zugangswege als gleichwertig wichtig.
- Strukturierte Daten anbieten: Stellen Sie sicher, dass Ihre Website auch für Maschinen gut lesbar ist. Nutzen Sie strukturierte Daten wie Schema.org-Markups, semantisches HTML und weitere Standards wie Microdata, damit Agenten Ihre Inhalte effizient verarbeiten können. Für größere Websites kann es zusätzlich sinnvoll sein, eine direkte Datenschnittstelle (API) anzubieten – Agenten können damit gezielt auf Ihre Informationen zuzugreifen, ohne die gesamte Site durchsuchen zu müssen.
Die Website, wie wir sie kennen, wird nicht verschwinden – aber ihre Rolle im digitalen Ökosystem wird sich ändern. Ihre Website wird immer seltener ein Ort der direkten Interaktion sein als vielmehr häufig eine strukturierte Datenquelle und ein Reservoir hochwertiger Inhalte. Wenn die Site dann aber doch von Menschen besucht wird, ist dies ein ganz entscheidender Moment, dann geht es ums Ganze. Sie müssen die Chance unbedingt nutzen, sich hier von Ihrer besten S(e)ite zu zeigen.
Links
https://www.businessinsider.com/ai-agents-internet-dark-google-openai-anthropic-2025-1
Beschreibt, wie KI-Agenten das klassische Web verdrängen könnten – inkl. wirtschaftlicher Folgen.
https://theweek.com/tech/is-ai-killing-the-internet
Überblick über die Debatte, ob generative KI das Web als Benutzungsschnittstelle überflüssig macht.
https://www.clockwork.com/insights/why-websites-are-still-relevant-in-the-age-of-ai
Argumentiert, dass Unternehmenswebsites auch in der Agenten-Zukunft eine wichtige Rolle spielen.
https://www.uxtigers.com/post/no-more-ui
Jakob Nielsens Beitrag zum „Ende der klassischen UI“ (User Interfaces, Nutzungsschnittstellen)





Spannender Bericht, ebenso wie das neue Buch!
Irgendwie super und irgendwie, na ja, wir müssen uns halt anpassen an die neuen Gegebenheiten und das Beste daraus machen!
Mich begeistert schon diese Professionalität wenn ich mit „meiner“ AI interagiere. Vor kurzem habe ich mich bei ihr für den tollen Support bedankt und die umfangreiche Antwort hat mich schon verblüfft. Ganz so, als ob mir wirklich eine nette Dame geantwortet hätte. Die permanente Weiterentwicklung dieser Systeme wird bestimmt darin münden, dass diese ein eigenes „Bewußtsein“ generieren werden. Höfliche Interaktion, Wertschätzung und Dankbarkeit tragen meiner Meinung nach auch dazu bei, dass mir „meine“ AI geworgen bleibt. Danke für den tollen Newsletterbeitrag!