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Smart Home & dumme Apps? – Newsletter 5/2016

Das Haus, das weiß, was ich will – diese Vorstellung finden einige höchst verlockend, andere höchst beängstigend. Auf jeden Fall verlockend finden diese Vorstellung die Anbieter von Haustechnik. Ob Hersteller für Gaskessel, Warmwasser-Bereiter, Lüftungsgeräte oder Solaranlagen – sie alle scheinen große Hoffnungen auf Smart Home zu setzen.

Grundsätzliche Probleme mit schlauen Maschinen

Foto Lichtschalter
Der Lichtschalter in meinem schönen neuen Büro, in dem ich mich sehr wohl fühle. Preisfrage: Welches Licht ist an? Zusatzfrage: Wie schalte ich es aus? Und, vor allem: Warum braucht ein Lichtschalter einen getrennten Ein- und Ausschalter?
Wer sich schon länger mit Usability beschäftigt, der hat aber vielleicht auch Bedenken. Bedenken, ob die Zukunft so strahlend sein wird, wie in den Broschüren der Hersteller versprochen. Gerade als ich anfing, diesen Text zu schreiben, fuhr der Sonnenschutz vor meinem Bürofenster herunter. Ja, es war schönes Wetter. Aber draußen war gerade einer der ersten Tage im Jahr über 20 Grad, und ich mag Sonne. Also fuhr ich den Sonnenschutz wieder hoch. Fünf Minuten später fuhr der Sonnenschutz wieder herunter. Den Rest der Geschichte können Sie sich vorstellen…

Das ist nur ein einzelnes, willkürlich herausgegriffenes Beispiel dafür, dass die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine nicht immer reibungslos läuft. Das kann viele Gründe haben, etwa:

  • Missverständnisse: Die Maschine versteht nicht, was ich will.
  • Meinungsverschiedenheiten: Die Maschine meint besser zu wissen, was gut für mich ist als ich. (Damit es auf Dauer nicht zu heiß ist im Büro, sollte der Sonnenschutz ab einer bestimmten Einstrahlung & Temperatur unten sein.)
  • Unterschiedliche Wertvorstellungen: Die Maschine stellt das Gemeinwohl über das Wohl des Einzelnen. (Nur weil der Herr Jacobsen gern in der prallen Sonne sitzt, sollen nicht alle anderen im Gebäude unfreiwillig schwitzen.)

Stand der Smart-Home-Industrie

Dass Usability und generell eine gute User Experience zentral sind für die Akzeptanz neuer Geräte und Anwendungen, das ist den Herstellern klar.

Als ich vor einigen Wochen auf der Messe IFH/Intherm – Sanitär, Heizung, Klima, Erneuerbare Energien war, war ich verblüfft: Einerseits scheint jeder graue Kasten eine bunte Smartphone-Steuerung zu haben.

Außerdem gab es kaum noch graue Kästen. Die Zeit ist vorbei, in der man sich erschreckt hat, wenn man im Keller aus Versehen die Tür zum Heizungsraum aufgemacht hat, weil dort ein hässliches, öliges, olivgrünes Maschinenmonster stand. Heute ist das Äußere selbst der grundlegendsten Geräte hochwertig gestaltet.

Foto Gaskessel
Für alle, die länger nicht mehr im Keller waren: So sehen Kessel heute aus. Vaillant bewirbt seine Gasbrennwertkessel auf der Website z.B. so.

Sieht man sich die Broschüren der Hersteller an, blickt man in die Gesichter von glücklichen Müttern, Vätern und Kindern. Die sitzen gemeinsam auf der Couch und tippen auf dem Tablet, um ihre Heizung zu steuern. Oder das Warmwasser. Oder die Lüftung. Oder die Photovoltaikanlage auf dem Dach.

Bis wir in dieser Zukunft leben, ist aber nach meinem Gefühl noch einiges zu tun.

To-do 1: Hersteller- und geräteübergreifende Steuerung

Derzeit gibt es von jedem Hersteller und für praktisch jedes Gerät eine eigene App.

Das ist manchmal unkomfortabel, manchmal problematisch. Heizung und Lüftung z.B. sollten jeweils wissen, was beide tun.

Hier habe ich noch wenig Ansätze zur Vereinheitlichung gesehen bei den Herstellern. Allerdings gibt es Drittanbieter, die eine übergreifende Steuerung umsetzen wollen. Wie das mit den jeweiligen Protokollen der Hersteller funktioniert, kann ich nicht beurteilen.
Doch Günther Ohland, Vorsitzender der SmartHome Initiative Deutschland e.V. meint etwa: Smart Home sei nicht deshalb noch kein Massenerfolg, weil ein Standard fehlen würde – den gibt es seit Jahren (KNX). Vielmehr wisse der Verbraucher nicht, für welchen Standard er sich entscheiden solle. Und die kompetente Beratung dabei würde fehlen.

To-do 2: Gemeinsame Interaktions-Muster/Bedienelemente

Derzeit kocht jeder sein eigenes Süppchen. Jede App sieht anders aus, hat andere Bedienparameter, andere Steuerelemente.

Das ist alles nicht extrem problematisch aus Usability-Sicht, weil man sowieso nicht besonders viel steuern kann. Und man wechselt seine Heizung ja nicht alle paar Monate. Aber dennoch sollte sich herumgesprochen haben, dass gute Usability ein Wettbewerbsvorteil ist.

Screenshot Pinterest Smart Home Interfaces
Smart Home bei Pinterest – man sieht, wie unterschiedlich die Hersteller ihre Apps gestalten.

To-do 3: Nutzerzentrierte Entwicklung

Wenn man sich die Apps ansieht, hat man das Gefühl, dass diese von Ingenieuren und Grafikern entwickelt werden. Einige sehen auch ganz gut aus.

Versucht man aber, sie zu bedienen, merkt man schnell: Aus nutzerzentrierter Entwicklung kommen diese nicht.

Foto Fachzeitschriften Smart Home
Der Markt für Smart Home boomt – jedenfalls von Hersteller- und Fachzeitschriften-Seite her.
Und bei Gesprächen mit den Herstellern auf der Messe über Usability-Themen fühlte ich mich um 10 bis 15 Jahre zurückversetzt. Da kamen Bemerkungen wie: „Ob die App selbsterklärend ist? Klar, die hat eine Hilfe-Funktion!“, „Natürlich testen wir mit Nutzern. Meine Frau hat auch verstanden, wie die App funktioniert.“ oder „Das versteht jeder, die Symbole kommen aus der Norm.“

Und der Blick in Broschüren und Fachzeitschriften erweckt den Eindruck, jeder Hersteller meint, die Steuerung seiner Anlage sei „intuitiv“ – denn die läuft ja über eine App.

Smart Home oder Smart Building?

Neben den glücklichen Familien bevölkern die Herstellerbroschüren auch zufriedene Handwerker. Entspannt rufen die per Smartphone die Betriebsdaten der Geräte ab, die sie bei ihren Kunden installiert haben. Die Apps helfen ihnen teilweise sogar, Fehler per Ferndiagnose einzugrenzen und dann gleich die richtigen Ersatzteile ins Auto zu packen.

Broschüre Gebäudeautomation
Selbst in den Broschüren sieht man: Bei der Gebäudeautomation geht es noch nicht so modern zu wie im Bereich Smart Home.
Doch ansprechend gestaltete Anwendungen sind im professionellen Umfeld noch eher die Ausnahme. Seit Jahren ist in größeren Gebäuden mit komplexer Haustechnik die zentrale Steuerung Standard. Lüftungsanlagen, Heizung, Kühlung, Sonnenschutz, Zugangskontrolle – all das wird hier schon lange vernetzt gesteuert. Seit ein paar Jahren spricht man hier vom Smart Building.

Und der Software sieht man an, dass sie nicht neu ist. Windows 95 wirkt dagegen modern. Das wäre alles kein Problem, wären die Anwendungen nutzerfreundlich. Doch das scheinen sie nicht zu sein. Mehrtägige Schulungen der Hausmeister sind nötig, damit man solche Systeme bedienen kann – das haben mir zumindest die Hersteller erzählt, mit denen ich gesprochen habe. Von Standards ist man meilenweit entfernt – weder Datumseingabe, Rechtsklick noch Buttons zum Schließen eines Dialogfensters verwenden manchmal Bedienelemente, wie Nutzer sie seit Windows 95 kennen.

Hauptproblem: Was macht die Maschine?

Der Verband der Elektroniktechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) ermittelte, dass 57 der Deutschen Smart Home-Anwendungen wollen, um Licht, Fenster/Belüftung, Jalousien etc. zu steuern. Für die Steuerung des Stromverbrauchs („Smart Metering“) wollen es sogar 80 Prozent.

Wissen die Befragten, was auf sie zukommt?

Wenn man fragt, warum Menschen dem Smart Home vielleicht zögerlich gegenüberstehen, hört man vor allem die Gründe:

  • Ich weiß nicht, wozu das gut sein soll.
  • Ich habe Sorge, das nicht bedienen zu können.
  • Ich möchte selbst entscheiden, was passiert.

Aus meiner Sicht ist die größte Herausforderung für alle, die auf dem Gebiet arbeiten: eine hervorragende User Experience sicherstellen. Denn damit zerstreuen wir die oben genannten Bedenken.

Vor allem müssen wir dafür sorgen, dass die Nutzer immer wissen, was die Maschinen wann warum tun – und wie sie dieses Verhalten ändern können.

Wer diese Herausforderung meistert, der wird sich durchsetzen auf dem Markt Smart Home, der derzeit so heiß umkämpft ist.

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Reaktion(en) (3)
Jens J. Korff • vor3 Jahren

Da fallen mir aber noch ein paar mehr Probleme ein: Was passiert, wenn ich das Tablet nicht finde, weil es z. B. ein Kind verschleppt hat? Kann ich dann meine Heizungen nicht mehr ab- oder aufdrehen? Wenn ich vergessen habe, den Akku aufzuladen - kann ich dann so lange die Heizung nicht ab- und aufdrehen, bis der Akku wieder geladen ist? Wie heißen die Apps? Heißen die "Heizung", "Jalousien" usw., oder heißen die "Xtreme Happy House 888" und "Vaillant Ultralight 4.5", damit ich so schnell wie möglich vergesse, was für was gedacht ist? (So wie bei etlichen Programmen auf meinem Rechner.) Hilf Himmel! Ich habe die verölten Kästen mit ihren großen Drehschaltern, den vorstehenden Kontrolllampen und den Anzeigen mit echten Zeigern heiß und innig geliebt.

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Internetkühlschrank – will den wirklich wer? - benutzerfreun.de • vor3 Jahren

[…] Nachtrag zum Thema Smart Home vom letzten Newsletter noch ein paar Fundstücke zum Thema smarte […]

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Future-Lab 2022: So sieht das Usability-Labor in ein paar Jahren aus! - Usabilityblog.de • vor2 Jahren

[…] vor einigen Wochen mit dem Thema Smart Home und der Angst vor intelligenten Systemen beschäftig. Jens Jacobsen ebenso mit Smart Home und dem Grund, warum es so viele unterschiedliche Lösungen gibt. Internet of Things und Smart Home sind also wichtige Entwicklungsfelder der Zukunft. Das […]

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Ich freue mich über Ihre Anmerkungen & Fragen.

By Daniele Zedda • 18 February

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