Prototyping – schneller zum Ziel mit dem richtigen Tool – Newsletter 05/2021

Viele glauben, das Entscheidende einer erfolgreichen App oder Website ist die Idee. Die Idee ist wichtig, der Haken ist aber: Woher weiß ich, ob eine Idee gut ist? Woher weiß ich, ob ich Erfolg haben werde, bevor ich die komplexe App programmiert, die aufwendige Website angelegt habe? Einfach nur Nutzer fragen, ob sie eine App oder Site nutzen würden, ist keine gute Idee. Sie werden etwas antworten, aber ob sie dann auch wirklich so handeln, ist völlig ungewiss.
Das macht die Technik des Prototyping so wichtig. Mit wenig Aufwand erstelle ich einen Prototypen für meine Anwendung und kann mit diesem testen, ob meine Idee nicht nur gut ist, sondern ob es sich lohnt, sie weiterzuverfolgen.

Machen Sie sich beim Prototyping so wenig Arbeit wie möglich

Die Grundregel beim Erstellen von Prototypen ist: Machen Sie sich so wenig Arbeit wie möglich. Ob die Idee für ein neues Produkt funktionieren kann, das finden Sie schon mit ganz simplen Prototypen heraus. Wenn Sie eine komplexe neue Interaktion für Ihr bestehendes Produkt einführen wollen, müssen Sie vermutlich etwas tiefer einsteigen.
Im Team kommt unweigerlich die Frage auf, ob es reicht, ein paar einfache Prototypen mit Stift und Papier zu erstellen, oder ob man mit einem Prototyping-Programm eine Anwendung erstellt, die fast schon aussieht wie das fertige Produkt.

Low-fi oder hi-fi – wie realistisch darf’s denn sein?

Es steht also die Frage im Raum: Lo-fi oder hi-fi? Also low fidelity oder high fidelity (geringe Realitätsnähe oder hohe Realitätsnähe).
Die Definition der Begriffe ist nicht eindeutig. Manche verstehen unter Lo-fi-Prototypen grobe Wireframes – einfache schwarz-weiße Seitenskizzen mit Linien und handgeschriebenem Text. Hi-fi sind für sie bunte Interface-Entwürfe, die aussehen wie Screenshots vom echten Produkt („Mockups“). Andere sprechen erst dann vom Hi-fi-Prototyp, wenn er sich auf dem PC oder mobilen Gerät durchklicken bzw. -tippen lässt.

Das richtige Werkzeug zum Prototyping finden

Die Antwort, welche Detailtiefe richtig ist, hängt einerseits vom Produkt ab. Vor allem aber hängt sie davon ab, in welchem Projektstadium ich bin und vor allem davon, welche Frage ich beantworten will.

Starten mit Scribbles/Seitenskizzen

In frühen Projektphasen arbeite ich immer mit Stift und Papier. Es entstehen Scribbles, das sind einfache, handgezeichneten Skizzen für Nutzeroberflächen. Ein Wireframe dagegen ist schon viel weiter ausgearbeitet und fast immer am Computer gezeichnet.

Scribble für einen Webshop
Ein einfaches Scribble für einen Webshop

Scribbles sind vor allem daher hervorragend, weil man mit ihnen so schnell arbeitet. In wenigen Minuten entstehen Visualisierungen verschiedener Ansätze, die man im Team oder mit Nutzern diskutieren kann. Wer Scribbles sieht, der weiß, dass das nur eine Idee ist. Das funktioniert insbesondere auch bestens, wenn man in einer Besprechung Stift und Papier verteilt oder gemeinsam auf einem Online-Whiteboard arbeitet.

Papierprototypen – wir spielen App

Etwas ausgefeilter wird es, wenn wir mit Stift, Papier, Schere, Klebstoff und Pappe Papierprototypen basteln. Das mache ich vor allem, wenn ich entweder Projektbeteiligten etwas komplexere Ideen demonstrieren möchte. Oder wenn wir die ersten Ideen mit Nutzern testen.

Foto Papierprototyp
Mit Papierprototypen kann man Nutzertests durchführen. Die Nutzer tippen dann wie auf einem Tablet auf das Papier und bekommen vom Testleiter die entsprechende nächste Seite gezeigt, die damit geöffnet würde.

Foto Papierprototyp Smartwatch
Etwas aufwendiger ist dieser Prototyp für eine Smartwatch-Anwendung. Es ist erstaunlich zu sehen, wie schnell Nutzer bei Tests hier mitspielen, als wäre es eine echte Smartwatch.

Programme fürs Prototyping

Nur wenn es noch realistischer werden muss, greife ich zu Software. Zum Glück ist die Auswahl groß und ich kann je nach Anwendungsfall das Werkzeug aussuchen, mit dem ich für den jeweiligen Zweck am schnellsten zum Ziel komme.

Die besten Apps fürs Prototyping

Da der Markt so groß ist, werde ich immer wieder gefragt, welche Software man dann am besten nimmt. Ich habe mich der Frage angenommen und stelle meine Lieblingstools in einem neuen Kurs bei LinkedIn Learning vor (UX-Prototyping-Grundkurs).
Darin nehme ich die folgenden Werkzeuge jeweils kurz unter die Lupe:

  • Adobe XD
  • Axure RP
  • Invision
  • Sketch
  • Framer
  • Figma
  • Proto.io
  • POP
Screenshot LinkedIn Learning Training Prototyping Jens Jacobsen
Die im Training vorgestellten Programme zum Prototyping

Das sind die Programme, die am häufigsten fürs Prototyping genutzt werden. Sie alle haben ihre Vor- und Nachteile, auf die ich im Training näher eingehe. Die Kurzzusammenfassung gibt es aber schon hier:

Wenn Sie mit Photoshop arbeiten, dann ist Adobe XD eine gute Wahl. Denn die Interaktionsprinzipien sind ähnlich und daher geht das Arbeiten schnell. Visuell ausgefeilte Prototypen lassen sich damit mit wenigen Klicks erstellen. Für kleine Projekte und kleine Teams ist das Programm in der Grundversion kostenlos, in einem Creative Cloud-Abo ist es mit allen Optionen enthalten. Zu diesem Programm gibt es bereits ein Training auf LinkedIn Learning, das das Prototyping damit im Detail zeigt: UX-Prototyping mit Adobe XD

Zu den beiden weiteren Top-Empfehlungen von mir erscheinen in den nächsten Wochen jeweils Trainings: Sketch und Axure RP.

Sketch gibt es nur für MacOS, damit kommt es nur für Apple-Nutzer in Frage. Es kommt eigentlich aus dem UI-Design, beherrscht inzwischen aber auch grundlegendes Prototyping. Was mit Adobe XD geht, geht auch mit Sketch. Nur flüssiger, wie ich persönlich finde.

Wenn Sie Interaktion in Ihrem Prototypen haben wollen, die mehr ist als ein einfacher Seitenwechsel, dann empfehle ich Ihnen Axure RP. Das Programm ist nicht ganz so hübsch und nicht ganz so leicht zu lernen wie die die beiden anderen, dafür kann es viel, viel mehr. Je nach Eingabe der Benutzer kann der Prototyp zu verschiedenen Stellen springen. Bewegung und Animation auf den Seiten ist möglich, auch Textangaben können geprüft und validiert werden. Komplexe Tabellen lassen sich nicht nur schnell erstellen, sondern auch zur Laufzeit ändern.

Wie immer gilt bei der Auswahl von Software: Die Meinungen können auseinander gehen. Haben Sie ein anderes Lieblings-Tool? Dann freue ich mich über Kommentare!

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