Newsletter 11/2005 – Blogs – was bringen sie?

„Schreibst du noch oder blogst du schon?“ – wer auf diese Frage nur verständnislos schaut, gehört zu dem Drittel der Webnutzer, die bisher noch keine Ahnung hat, was Blogs, auch Weblogs genannt, eigentlich sind.
Ein weiteres Drittel wird verlegen nach Argumenten suchen und sich insgeheim fragen, warum derzeit so viel Aufhebens um dieses gar nicht mehr so neue Medium gemacht wird. Und hat das Gefühl, hier vielleicht etwas ganz wichtiges zu verpassen.
Das letzte Drittel der Webnutzer schließlich nutzt begeistert Blogs, kommentiert die Einträge oder schreibt sogar selbst ein Blog.

Was steckt dahinter?

Ein Blog ist eine Website, die meist kürzere Texte in umgekehrt chronologischer Reihenfolge enthält – die neuesten zuerst. Dahinter steckt eine Datenbank, die sich sehr einfach bedienen lässt, so dass man kaum technisches Wissen mitbringen muss, um ein Blog zu führen.
Blogs im eigentlichen Sinn gibt es seit 1997, seit 1999 sind sie so leicht zu benutzen, dass sie sich weiter verbreiteten. Derzeit gibt es nach einer von der Zeitschrift c’t zitierten Schätzung 60 Millionen Blogs weltweit – diese Zahl verdoppelt sich alle fünf Monate.
Die Gesamtheit aller Blogs wird oft „Blogosphäre“ genannt. Das ist ungefähr so treffend, wie von einer „Papierosphäre“ für alles Gedruckte zu sprechen. Denn das Medium ist so divers wie die Personen, die es nutzen. Etliche Blogs sind recht persönliche Tagebücher, viele drehen sich um ein bestimmtes Thema, andere sind mehr oder weniger Newsletter im neuen Gewand.

Vorteile von Blogs

Im Folgenden ein paar Dinge, die Blogs so interessant machen:

Blogs sind einfach

Wer eine E-Mail schreiben kann, kann ein Blog führen. Neue Texte werden einfach in ein Textfeld einer Website eingetragen und erscheinen Sekunden später im Blog.

Blogs sind schnell

Durch die einfache Sortierung nach Datum und die nur rudimentären Möglichkeiten der Formatierung sind Blogs sehr schnell zu aktualisieren. Die Einordnung des Inhalts auf der Site ist vorgegeben – das Neueste steht oben, fertig. Niemand erwartet von einem Blog aufwändiges Design.
Die Einträge können sehr kurz sein oder lang – die Form ist frei.

Blogs sind von überall zu aktualisieren

Jede noch so langsame Internetverbindung genügt, um einen Eintrag in einem Blog zu schreiben. Die meisten Blogs können sogar über E-Mail befüllt werden – so kann man auch mit jedem besseren Handy aktuelle Nachrichten veröffentlichen.

Blogs sind preisgünstig

Es gibt unzählige Anbieter, bei denen man kostenlos sein eigenes Blog einrichten kann. Wer einen eigenen Server hat, kann frei erhältliche nötige Skripten dort installieren. Die Einrichtung ist in wenigen Minuten erledigt.

Blogs sind vertrauensbildend

Das Web wächst, die täglich zu bewältigende Informationsmenge auch. Blogs sind fast immer von einem einzelnen Menschen persönlich geschriebene Kommentare, oft enthalten sie ausgewählte Links, die dieser Mensch interessant findet.
So erleichtern Blogs die Orientierung im Web und filtern die Informationsflut. Wer ein Blog regelmäßig liest, vertraut dem Betreiber und verlässt sich auf dessen Einschätzung.

Blogs sind interaktiv

Blogs bieten üblicherweise eine Kommentarfunktion, so dass jeder Besucher seine Meinung zu einem Eintrag abgeben kann. Das lässt sich aber auch verhindern bzw. auf registrierte Nutzer beschränken.
Gegenüber gewöhnlichen Foren haben Blogs den Vorteil, dass die Besucher nur vorhandene Einträge kommentieren können, aber keine eigenen Themen erstellen. Dadurch hat der Betreiber des Blogs stärker in der Hand, welche Themen diskutiert werden – was aber manchmal auch ein Nachteil sein kann.
Ein weiterer Grund, der Blogs interaktiv macht, ist die starke Verlinkung untereinander. Die meisten frühen Blogs waren Protokolle der Webseiten, die eine Person besucht hat und interessant fand (daher auch Web-Log = Web-Tagebuch). Es ist bis heute üblich, dass Blogs viel aufeinander Bezug nehmen. Liest ein Blogger etwas Spannendes in einem anderen Blog, verlinkt er in seinem eigenen darauf, zitiert daraus und schreibt meist einen kurzen Kommentar dazu.

Blogs sind angesagt

Derzeit sind Blogs noch für Viele neu und finden schon allein deshalb viel Aufmerksamkeit.

Blogs sind meinungsbildend

Deshalb und durch die Interaktivität sind Blogs stark meinungsbildend. Neuigkeiten finden sich darin oft schneller als in traditionellen News-Sites, das rege Netzwerk der Blogger zitiert, kommentiert und verlinkt in extrem hoher Geschwindigkeit. Blogs werden von vielen Journalisten als Informationsquelle genutzt.

Nachteile von Blogs

Neben den vielen Vorteilen haben Blogs natürlich auch Nachteile aus der Sicht von Betreibern professioneller Websites:

Blogs sind unstrukturiert

Die Sortierung nach Datum ist zwar eindeutig, aber unpraktisch. Etwa wenn man sich einen Überblick zu einem bestimmten Thema verschaffen will oder einen bestimmten Eintrag sucht. Zwar teilen manche Blogger ihre Einträge in Kategorien ein, und viele Blogs bieten eine Suchfunktion. Dennoch ist die Informations-Architektur eines Blogs fast immer einer gut geplanten Website unterlegen.

Blogs bringen zu viele Themen auf einer Seite

Die Startseite eines Blogs enthält die jüngsten Einträge. Ältere werden automatisch in ein Archiv verschoben, meist im Wochen- oder Monatsrhythmus. Die Startseite kann also je nach der inhaltlichen Ausrichtung des Blogs viele verschiedene Themen behandeln.
Das verschlechtert das Ranking der Seite bei Suchmaschinen. Diese geben Seiten, die nur ein Thema behandeln, höhere Werte. Zwar erstellen die meisten Blogs automatisch so genannte Permalinks, die jeweils nur einen Blog-Eintrag enthalten und auch bestehen bleiben, nachdem der Eintrag von der Startseite ins Archiv gewandert ist. Doch meist hat man keine Kontrolle darüber, welcher Dateiname für die HTML-Seite des Eintrags vergeben wird und welche Description angelegt wird.
Außerdem lässt sich nicht ermitteln, welche Beiträge auf der Startseite am meisten gelesen werden. Bei Websites mit nur einem Beitrag pro Seite lassen sich deutlich aussagekräftigere Besuchsstatistiken erstellen.
Die Anzahl von Seitenaufrufen ist durch die lange Startseite auch geringer als bei einer Aufteilung auf eine Seite pro Thema. Das schmälert bei allen Sites, die sich mit Werbung finanzieren, den Ertrag, weil die Banner üblicherweise pro Seitenaufruf abgerechnet werden.

Blogs sind pflegeintensiv

Wer ein Blog hat, muss es betreuen. Die Benutzer erwarten regelmäßig neue Einträge, sonst kommen sie bald nicht mehr wieder.
Fast alle Blogs haben einen Newsfeed (RSS-Feed; das ist eine XML-Datei mit Informationen über die letzten Änderungen auf einer Website). Diesen können die Benutzer abonnieren. In Browsern wie Firefox oder Safari oder auch mit eigenen News-Readern sehen sie dann auf einen Blick, welche der sie interessierenden Sites neue Artikel online gestellt hat. So müssen sie nicht alle Sites einzeln aufrufen, um nach Neuigkeiten zu suchen.
Dennoch: wer zu selten bloggt, wird bald nicht mehr ernst genommen.

Blogs können anbiedernd wirken

Blogs werden derzeit noch vor allem von technikaffinen Menschen genutzt und betrieben. Wenn Sie ein für die Öffentlichkeit bestimmtes Firmenblog starten, kann das anbiedernd wirken, wenn Ihre Firma kein Image als technikaffin hat oder wenn Ihre Zielgruppe nicht stark technikaffin ist.

Blogs sind schwer zu kontrollieren

Blogs sind persönlich. Anders als die meisten Websites werden ihre Inhalte von namentlich genannten Personen geschrieben, meist von einer einzigen. Auch sind Kommentare und persönliche Wertungen üblich.
Das kann für eine Firma problematisch sein. Der Geschäftsführer eines kleineren Unternehmens wird selten die Zeit zum Bloggen finden. Der Marketing-Chef muss Veröffentlichungen üblicherweise mit dem Geschäftsführer abstimmen.
Bei größeren Firmen wird es noch schwieriger. Persönliche Äußerungen Einzelner können hier intern zu politischen Krisen führen. Die einheitliche Darstellung der Firma nach außen ist nicht sichergestellt, geschweige denn die Einhaltung von Sprachregelungen. Manche Äußerungen haben vielleicht sogar juristische Relevanz.
Viele Firmen haben auch Sorge, dass vertrauliche Interna nach Außen dringen.

Blogs können schaden

Lässt man die Benutzer Einträge kommentieren, kann es sein, dass unzufriedene Kunden, Nörgler oder Störer, die einfach nur Blödsinn schreiben wollen, hier ein Forum finden.
Löscht man solche Kommentare, besteht die Gefahr, dass die betreffenden Benutzer noch mehr verärgert werden. Die Einträge laufend zu kontrollieren macht bei stark besuchten Blogs viel Arbeit.
Auch entsteht leicht der Eindruck von Manipulation, wenn nur positive Kommentare in einem Firmenblog stehen.
Ein weiteres Ärgernis bei Blogs sind Link-Spammer, die Links zu ihren eigenen Seiten in die Kommentare einbauen, um damit mehr Besucher zu bekommen oder ihr Suchmaschinen-Ranking zu verbessern.
Es ist daher für Firmenblogs meist sinnvoll, keine Kommentare zu erlauben. Allerdings wird damit einer der Vorteile von Blogs nicht genutzt: die Interaktivität und die Zunahme der Glaubwürdigkeit durch Kommentare von Benutzern.

Die Blogs der anderen

Blogs von anderen Personen oder Firmen bieten auch Chancen:
Wie traditionelle Medien berichten sie von Ihrer Organisation oder von Ihrer Site, wenn es interessante Nachrichten von Ihnen gibt. Berücksichtigen Sie wichtige Blogs also bei Ihrer PR.
Auch Sie selbst können Links zu Ihrer Site setzen, indem Sie diese in den Kommentaren auf anderen Blogs unterbringen. Machen Sie das aber auf jeden Fall nur, wenn Ihre Site etwas zu bieten hat, was zu diesem Blogeintrag passt und für andere Besucher einen echten Zusatznutzen darstellt. Sind Sie sich dessen nicht vollkommen sicher, verzichten Sie auf den Link zu Ihrer Site. Denn sonst wird dieser als Link-Spamming wahrgenommen, was Ihnen viel mehr schadet als ein als hilfreich empfundener Link nützen kann.
Gibt es Blogs, die sich mit Ihrem Geschäftsfeld befassen, besuchen Sie diese von Zeit zu Zeit. Zum einen können Sie hier wichtige Informationen und Trends oft früher entdecken, als bei traditionellen Medien. Zum andern kann es sein, dass über Sie berichtet wird. Ist es positiv, können Sie auf das Blog verweisen. Ist es negativ, können Sie Stellung nehmen oder notfalls auch rechtliche Schritte einleiten – was aber oft schwierig ist und auch zum Gegenteil des gewünschten Effekts führen kann.
Insbesondere große Firmen haben in letzter Zeit verstärkt Probleme mit Gerüchten, die über sie bzw. über bestimmte Produkte in vielen Blogs kursieren, ohne dass sie viel dagegen tun könnten.

Fazit

Für Privatpersonen und kleinere Organisationen sind Blogs eine interessante Möglichkeit zur Kommunikation. Für Firmen ist es derzeit aber meist noch wenig sinnvoll, ein eigenes Blog einzurichten. Das Medium ist noch nicht weit genug verbreitet und wird nur von sehr techikaffinen Benutzern verwandt. Mit einer gut gepflegten Website und eventuell einem klassischen E-Mail-Newsletter erreichen Sie bei gleichem Aufwand derzeit mehr.
Sehr sinnvoll einsetzen lassen sich Blogs dagegen schon heute im Intranet. Hier können Sie zum Beispiel ein Projekttagebuch führen. Alle Teammitglieder können sich so aktuell informieren, haben langfristig Zugang zu den Informationen ohne ständig E-Mails lesen und archivieren zu müssen.

Links

http://de.wikipedia.org/wiki/Weblog
Definition mit Links zu weiteren Infos zu Blogs
www.tzwaen.com/publikationen/weblogs-einfuehrung/
Sehr gute Einführung
www.heise.de/ct/05/19/148/
Längerer Artikel in der c’t zu Entstehung und Nutzen von Blogs
http://blog.wiwo.de/techniktotal/
Beispiel eines nützlichen Blogs der Wirtschaftswoche
www.businessblogconsulting.com/
Blog über Blogs für Unternehmen

Weiterlesen im Web:

Die Marktforscher von Fitkau & Maas berichten im Dezember 2005, dass 25 Prozent der deutschen Internetnutzer nicht wissen, was Blogs sind. 55 Prozent kennen den Begriff, aber nutzen keine Blogs. 16 Prozent besuchen gelegentlich ein Blog und nur 4 Prozent lesen regelmäßig Blogs.

Einige Blogger griffen die Studie heftig an, weil die Marktforscher folgerten, dass Blogging nur ein künstlich hochgespieltes Modethema sei. Dass Blogs für sehr Web-affine Zielgruppen interessant sind, steht außer Frage, für breite Nutzergruppen sind sie aber auch meiner Meinung derzeit noch kein Thema. So war die Teilnahme an der Umfrage zu Blogs im November 2005 unter den benutzerfreun.de-Newsletter-Lesern so gering, dass eine Auswertung nicht möglich war.

>> Zusammenfassung der Studie als pdf

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(c) Jens Jacobsen 2005

Bei Weiterleitung oder Zitat bitte Quellenangabe („Quelle:
benutzerfreun.de-Newsletter November 2005“).

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