Loading
Loading

benutzerfreun.de

Infos für Website-Konzepter und Usability-Freunde

Vorschaubild Text schreiben

Bessere Sites durch weniger Text – Newsletter 6/2018

Wie vermitteln Sie Inhalte auf Ihrer Website? Mit Text.

Bilder, Videos, Animationen etc. können unterstützen. Aber was Sie überhaupt anbieten, wieviel das kostet und wie die Besucher Ihrer Site es bekommen – um all das zu erklären, dafür brauchen Sie Text.

Der einzig entscheidende Inhaltsträger auf Webseiten ist Text.

Und doch bekommt Text oft viel zu wenig Aufmerksamkeit. Das ist schade, weil Sie damit wertvolle Chancen verschenken.

Am Ende ist es der Text, der entscheidet, ob Ihre Website ihren Zweck erfüllt oder nicht. Ob die Besucher bei Ihnen kaufen, Sie kontaktieren, Ihren Newsletter abonnieren.

Das Schlimme dabei ist: Selbst wenn Sie sich viel Mühe geben mit Ihrem Text kann es sein, dass er Ihrer Website schadet. Denn Text ist nur gut, wenn er gelesen wird. Und hier liegt der Hase im Pfeffer.

Das Dilemma: Niemand liest Text

Neulich habe ich einen Usability-Test mit einer Website gemacht, bei der das große Problem von Text auf Webseiten erschreckend deutlich wurde: Das Unternehmen, welches die Website betreibt, bietet hochwertige Produkte an, die über Fachhändler vertrieben werden und nicht auf der Website zu kaufen sind. Das hat ein großer Teil der Probanden im Usability-Test nicht verstanden. Und zwar nicht, weil die Website schlecht war. Auch nicht, weil die Texte nicht gut geschrieben waren. Sondern einfach deshalb, weil die meisten Probanden praktisch keinen Text gelesen haben.

Mit „praktisch keinem“ meine ich: Die Probanden haben wirklich nur ein paar Wörter gelesen. Lediglich Überschriften, ein paar große Texte auf Bildern und den Anfang von einigen ausgewählten kurzen Absätzen. Und natürlich die Navigation, Links und Buttons.

Screenshot Textwahrnehmung auf Webseiten
Orange markiert ist hier, was die Nutzer wirklich lesen auf einer Website (das war nicht die getestete Site, Nike.com dient hier nur zur Illustration).

Was Nutzer lesen

Wenn Sie also sicher gehen wollen, dass bestimmte Informationen wirklich rüberkommen bei (fast) allen Besuchern Ihrer Site, dann sorgen Sie dafür, dass diese an einer dieser Stellen stehen:

  • Im Menü/der Navigation
  • auf Buttons
  • auf/unter/neben Bildern mit Dingen, die der Nutzer sehen will/sucht (praktisch ausschließlich Produkte)

Aber selbst das ist keine Garantie, dass die Nutzer diese Texte lesen. Es kommt ganz darauf an, wie die Seite jeweils formatiert ist, wie viele visuell auffällige Elemente sie trägt, wonach der Nutzer jeweils gerade sucht und auf welchem Gerät er die Site ansieht.

Eine gute Chance haben Sie noch, wenn Sie den Text an folgenden Positionen platzieren:

  • Am Anfang des 1. Absatzes auf der Seite
  • Am Anfang des 1. Absatzes nach einem Element, das den Nutzer wirklich interessiert (Produktfoto, Bestellformular, prominenter Button)

Alle weiteren Texte haben ein trauriges Schicksal: Sie werden von kaum einem Benutzer gelesen.

Also, so bitter es ist: Der meiste Text, den Sie auf Ihrer Website haben, wird niemals gelesen.

Ein Blick in die Zugriffsstatistiken/Web Analytics bestätigt diese Beobachtung übrigens: Die Aufenthaltsdauer auf einzelnen Seiten ist bei vielen Websites nur wenige Sekunden. Sehen Sie mal in Ihre eigenen Statistiken, wenn Sie mir nicht glauben. Auch Seiten mit sehr viel Text haben im Schnitt nur ein paar Sekunden durchschnittliche Aufenthaltsdauer. In der Zeit kann man lediglich ein paar Wörter lesen – und genau das ist es, was wir auch bei Nutzertests beobachten: Die Nutzer lesen tatsächlich nur ein paar Wörter.

F-Muster Blickverfolgung Webseite
Das berühmte F-Muster der Aufmerksamkeit auf Webseiten: Die roten Bereiche werden im Schnitt von den Nutzern länger angesehen, die grünen selten – und die weißen Bereiche praktisch gar nicht. Man sieht: selbst auf Seiten, die nur Textinformationen bieten, wird meist nur wenig gelesen.

Muss Text wirklich immer kurz sein?

Nein, Text muss nicht immer kurz sein. Langer Text wird gelesen, auch im Internet. Aber nur, wenn die Nutzer sich für den Inhalt wirklich, wirklich interessieren. Und selbst dann überfliegen die meisten Leser den Text lediglich. Und nur 20 Prozent erreichen im Schnitt jemals das Ende der Seite.

Wann interessieren sich die Nutzer wirklich für Ihren Text? Gehen Sie davon aus, dass das fast nie der Fall sein wird. Klar wollen die Besucher Ihrer Website wissen, ob Sie seriös sind, wenn Sie sich über Ihr Unternehmen oder Ihre Produkte informieren. Das entscheiden sie aber nicht, indem sie lange Texte auf Ihrer Website lesen. Das entscheiden sie viel mehr aus dem Bauch heraus. Ihre Website muss einen guten Eindruck machen auf die Besucher.

Wann interessieren sich die Nutzer wirklich für Ihren Text? Fast nie.

So wie in einem Geschäft. Da gehen die Besucher auch nicht hinein und lesen die Firmengeschichte, die dort vielleicht an der Wand hängt. Die potenziellen Kunden lesen vielleicht ein Hinweisschild oder eine Preisangabe. Ist es in dem Laden schmutzig, unaufgeräumt oder haben sie das Gefühl, nicht willkommen zu sein, dann gehen sie gleich wieder. Genauso ist es mit Ihrer Website. Die muss Ihren Besuchern das Gefühl geben, dass sie hier richtig sind.

Das heißt: Lange Texte auf Firmen-Websites sind fast immer überflüssig, weil sie niemand liest. Sie können sogar schaden. Dann nämlich, wenn die Besucher den Eindruck haben, sie werden mit Informationen überhäuft, die nicht nutzergerecht aufbereitet sind. Oder wenn die langen Texte den Zugang zu wirklich essenziellen Informationen behindern. Je mehr Inhalte Sie auf Ihrer Site haben, desto schwerer wird es, etwas Bestimmtes zu finden.

Nur wenn Sie Inhalte anbieten, die wirklich an den direkten Interessen der Nutzer orientiert sind, dann sind lange Texte sinnvoll. Wenn Sie also z.B. ein Problem lösen, das die Nutzer haben. Wenn Sie die Nutzer wirklich gut unterhalten. Wenn Sie ein echtes Informationsbedürfnis stillen. Und der Anspruch für das letzte Kriterium ist sehr hoch. Ist Ihr Text so spannend wie die letzte Meldung auf einem bekannten Nachrichtenportal? Dann wird er gelesen. Ist er so gut, dass der Besucher ihn sich abspeichert, ihn weiterleitet oder jemandem davon erzählt? Dass er ihn veranlasst, etwas zu tun? Dann los. Können Sie nicht zumindest eine dieser Fragen mit ja beantworten, dann überlegen Sie, ob Sie sich die Arbeit nicht lieber sparen, den Text zu schreiben.

Wenn Sie diesen langen Text gelesen haben, dann hat er geschafft, was seinen meisten seiner Kollegen im Internet nie gelingt: Er wurde gelesen. Vielen Dank! Wenn Sie noch spannendere Texte lesen wollen, verraten Sie mir gerne Ihre Fragen & Themenwünsche. Damit verbessern Sie den benutzerfreun.de-Newsletter.

Wenn Sie Ihre eigene Site verbessern wollen, dann streichen Sie Ihre Texte radikal zusammen. Das tut weh, führt aber zu einer erfolgreicheren Site.

Zum Kommentar-Feld
Reaktion(en) (2)
Katja Neppert • vor6 Monaten

Sie haben vollkommen recht, was das Nutzerverhalten angeht. Leider schreibt man den Text ja aber auch für Suchmaschinen, die die Seite listen sollen. Und da ist die Anforderung, dass ein bestimmtes Stichwort vorkommen soll x-mal, der Text soll 1500 Zeichen haben etc.. Und wenn man leicht eingängige Formulierungen wählt und Alltagssprache einbaut (Überschriften à la 'Das Ding muss rocken'), um den Text leserlich zu machen, dann kommen die Stichworte zu wenig vor. Ein echtes Problem, finde ich. Ich glaube, man sollte auf Bilder (mit guten Beschreibungen) achten.

antworten
Philipp Kaluza • vor6 Monaten

Hab bis zum Ende gelesen :-). Danke, sehr interessant!

antworten

Ich freue mich über Ihre Anmerkungen & Fragen.

By Daniele Zedda • 18 February

← PREV POST

By Daniele Zedda • 18 February

NEXT POST → 34
Share on